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    Bio-Tierhaltung von Anfang bis Schluss - Hof Silberdistel im Jura

    Von der Zucht bis zum fertigen Fleischprodukt und dessen Vermarktung machen Bürgis fast alles selber. Das schafft Tiergerechtigkeit und grössere Unabhängigkeit.

    Lena und Cäsar Bürgi treiben ihre Angusrinder täglich um, nutzen Geissen gegen die Verbuschung, haben ein selbstgebautes Schweinemobil und züchten ihren Hühnernachwuchs selber. Die Vielfalt auf dem Hof Silberdistel im Jura ist gross – nicht nur in Bezug auf die verschiedenen Tierarten, sondern auch auf die Tätigkeiten ganz allgemein: Züchten, Aufziehen, teilweise Schlachten, Verarbeiten und alle Produkte direkt vermarkten. Dahinter steht der Wunsch ganzheitlich zu bauern, möglichst unabhängig von Zukäufen, Marktpreisen und Importen zu agieren. Und stark ist der Anspruch, den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden und genau die Landwirtschaft zu betreiben, die auf den Hof passt.

    Der Hof Silberdistel: Familie Bürgi mit ihren drei Kindern, Mitarbeiterin Sara mit drei Mädchen und Lehrling Flurin
    Intensive Umtriebsweide - die roten Angusrinder sind von April bis November draussen
    Trog, Tränke, Suhle sowie Wasser- und Futterlager - alles befindet sich auf dem Saukarawan-Hänger
    Das bunte Distelschwein - Hausrasse nach zehnjähriger Zucht
    Das Umsetzen des Sau-Karawans alle 1-2 Wochen braucht mit dem Traktor nur etwa 15 Minuten.
    Raus und rein - ganz nach Lust und Laune
    Hühner aus eigener Zucht für Eier und Fleisch
    Die Hühner mit ihrem Hühnermobil, der Sau-Karawan, das mobile Gewächshaus und tageweise auch die Rinder sind Nutzer dieser guten Hektare Land
    Das Hühnermobil - verschiebbar und mit allem versehen was ein Huhn zusätzlich zur Weide braucht.
    Brutfreudige Seidenhühner brüten die Eier der eigenen Legehühner aus
    Einsaat nach Trittschäden – der Aufwuchs erhöht die Pflanzenvielfalt auf der Weide
    „Saukarawan“ – Bürgis Methode um 8-15 Mastschweine bodenschonend und arbeitssparend im Freiland zu halten
    Die Schweine kennen ihre Bäuerin
    Die Mastschweine sind unterschiedlich alt - je nachdem bietet der Saukarawan damit Platz für zehn bis fünfzehn Tiere.
    Saugutes Leben
    Köstlichkeiten beim Z'Nacht-Essen auf dem Hof Silberdistel


    Hofgerechte Tierhaltung

    Die Rinderweiden auf Hof Silberdistel wachsen nach und nach zu, wenn sie nicht regelmässig freigeschnitten werden. Das ist eine mühsame Arbeit, für die man meist einen Freischneider (eine starke Motorsense) verwendet. Bürgis schafften sich Burenzie- gen (ursprünglich aus Südafrika) an, die nach den Rindern auf die steilen Weiden gehen und ‹hinterherfressen›. So entfällt das mühsame Freischneiden. Es braucht weder Maschine noch Benzin. Stattdessen gibt es mehr Fleisch pro Fläche. Damit ist die Mischbeweidung mit den Ziegen auch ökonomisch interessant.

    Bürgis System der intensiven Umtriebsweide begann ebenfalls mit einer Idee: «Wir wollten die Wiesen schonender beweiden und die Gesundheit der Tiere verbessern. Zugleich sollte das Verfahren leicht in den Hofalltag integrierbar sein und mit Frauen- Körperkraft zu bewältigen sein,» so Lena Bürgi. Sie kümmert sich gemeinsam mit Mitarbeiterin Sara Castro und jeweils einem Lehrling um die Versorgung der Hoftiere. Die Rinder erhalten kleine Weidestücke und werden ein bis zwei Mal am Tag umgetrieben. Auf Weiden, die sehr steil sind, bleiben sie auch mal etwas länger. Als Tränken gibt es leichte Kunststoffwannen, die von einer Person per Hand bewegt werden können. Sie werden aus den von Cäsar in allen Weidebereichen verlegten Wasserleitungen befüllt. «Unsere Betriebsfahrzeuge sind E-Bikes», erläutert Mitarbeiterin Sara lachend. Sie hatte die Idee der intensiven Umtriebsweide ursprünglich auf den Tisch gebracht. «In den Fahrradtaschen haben wir Hydrantschlüssel, Werkzeug, Zaunteile ... alles was man beim Umzäunen braucht oder brauchen könnte.» Das System funktioniert, weil die Frauen die Kühe sehr genau beobachten. Lena erklärt: «Der beste Umtriebszeitpunkt ist dann, wenn die Tiere satt sind, schon wiedergekäut und geruht haben und der Hunger gerade wiederkommt. Dann laufen sie gerne mit und beginnen auf dem neuen Stück Weide gleich zu fressen.» Ausserdem braucht es eine sehr gute Planung, wann welche Flächen geweidet und gemäht werden.

    Widerstandsfähige Weiden und gesunde Tiere

    Bürgis sind überzeugt von der intensiven Umtriebsbeweidung, die sie von April bis November betreiben. Cäsar erläutert, warum: «Der Parasitendruck ist sehr gering. Die Rinder fressen anders. Sie nehmen alles und nicht nur die besten Stücke. Hahnenfuss, Ampfer, Blacken, Brennesseln, Disteln etc. werden mitgefressen und so bleiben die Weiden vielfältig und schön.» Die Pflanzen können sich in den langen Ruhephasen (30-60 Tage) sehr gut erholen und bilden nicht nur Grünmasse, sondern auch starke Wurzeln aus.» Das Land wird nicht überdüngt oder zu stark verdichtet. Trotz der grossen Trockenheit in diesem Sommer sind die Wiesen grün geblieben und die Rinder konnten den ganzen Sommer durchweiden. «Einmal haben wir die Tiere statt wie geplant am Abend erst am Morgen umgetrieben. In der Nacht regnete es und da war dann auf dem Stück Weide der Boden fast schwarz. Nach dem ersten Schreck haben wir Roggen, Wicke und Luzerne gesät und ein paar Monate später spriesste das Grün und die Pflanzen wuchsen 80 cm hoch. Die kurzzeitig verursachten Trittschäden haben der nur leicht geneigten Weide also nicht geschadet, sondern den Boden belebt und anderen Pflanzen Raum zum Aufwachsen verschafft.» Es sind auch solche Beobachtungen, die Bürgis immer wieder dazu anregen, Neues zu probieren. Neu säen sie jetzt auf manchen Naturwiesen via Direktsaat Luzerne ein. Diese Wiesen sind den ganzen Sommer trotz Trockenheit saftig grün geblieben.

    Schweinemobil

    Wenn Schweine zu lange an einem Ort sind, dann ist der Boden anschliessend völlig durchwühlt und überdüngt. Wie kann man Schweinehaltung im Freiland so gestalten, dass der Boden geschont bzw. sogar verbessert und der Arbeitsaufwand gering gehalten wird? Cäsar kam auf die Idee, ein Schweinemobil zu bauen. Der sogenannte Sau-Karawan hat zwei Räder und lässt sich mit dem Traktor unaufwendig ziehen. Er besteht aus einem überdachten mit Stroh eingestreuten Liegeplatz und einer Freifläche mit Spaltenboden. Auf dieser sind ein Futterautomat, eine Tränke, eine Suhle, ein Wassertank und ein Futterlager installiert. Es gibt zwei Tore, durch die die Schweine runter vom Wagen auf die Weide können. Erst wird nur das eine geöffnet und sie weiden auf dieser Seite, anschliessend auf der zweiten Seite. Dann muss der Hänger mit dem Traktor verschoben werden, was nur etwa 15 Minuten dauert. «Nötig ist das Verschieben alle 1-2 Wochen, je nach Weide- stück.» Für die tägliche Kontrolle und Fütterung brauchen Lena und ihre Helfer nur fünf Minuten. Gefüttert werden die maximal zehn Schweine der eigenen Hofrasse Buntes Distelschwein mit viel Weizenkleie und etwas Gerste. Zudem nehmen die Tiere beim Grasen zusätzliche Nährstoffe auf. Sie fressen auch Schneckeneier und Engerlinge, was von Vorteil für die anschliessende Nutzung der Fläche für den Gemüseanbau ist.

    Dem Hühnermobil und dem Schweinekarawan folgen deshalb im nächsten Jahr jeweils Hausgarten und mobiles Gewächshaus. Es gibt weniger Schnecken, der Boden ist gut gelockert und bereits gedüngt. Grosse Kartoffeln, wenig Schneckenfrass und ganz allgemein viel feines Gemüse haben diesen Sommer schon gezeigt, dass das Modell «Schweinemobil» und der Wechsel von Hühnerweide, Schweineweide und Gatten auf dem Hof Silberdistel erfolgreich sein kann. Den Schweinen gefällt ihr Frühling- Sommer-Herbstleben auf dem Karawan sichtbar gut. Den Winter verbringen sie bzw. ihre Nachfolger dann im warmen Stall. Eine weitere Überlegung – analog zu den Erfahrungen mit den kurzzeitigen Trittschäden auf der Rinderweide – ist an den von den Schweinen stark durchwühlten Flächen per Handwurf Leguminosen und Getreide anzu- säen. Diese können im Folgejahr dann von den Hühnern direkt gefressen werden. Dies schmälert den Fütterungsaufwand und trägt durch die Stickstoffbindungsfähigkeit der Leguminosen ebenfalls zur Verbesserung des Bodens bei.

    Die Hühner sollen mittelfristig alle auf dem Hof vermehrt werden. Für das Ausbrüten der Eier von ihren Rassehühnern (Rhode Islands, Schweizer, Australorp und Marans) haben Bürgis deshalb Seidenhühner angeschafft, die sehr brutfreudig sind. «Wir möchten keine Küken mehr zukaufen müssen. Nach und nach soll sich eine Hühnerrasse entwickeln, die optimal an die Gegebenheiten auf unserem Hof angepasst ist und mit dem hier vorhandenen Futter gut zu- recht kommt. Wie beim Saatgut sind aus unserer Sicht auch in der Hühnerzucht wieder mehr genetische Vielfalt und Souveränität von Nöten.»

    Tötung, Verarbeitung, Vermarktung

    Aus Bürgis Sicht ist die konsequente Folge ihrer Nutztierhaltung, das Tier selbst in den Tod zu begleiten. Bisher tat Cäsar dies immer, indem er seine Tiere in die lokale Schlachterei brachte und dort dem Töten beiwohnte bzw. auch beim Zerlegen dann Hand anlegte. Doch noch logischer erscheint es ihm, die Tiere noch auf dem eigenen Hof zu betäuben und zu töten. So wird den Tieren der Transportstress erspart. Cäsar ist sich sicher, dass dies nicht nur für das Tier viel besser ist, sondern auch eine positive Auswirkung auf das Lebensmittel Fleisch hat, zu dem das Tier verarbeitet wird. Im Stall, in der Nähe der anderen Tiere, wird das Rind betäubt, mit dem Heukran auf einen speziellen Anhänger gelegt und dort entblutet. Anschliessend wird es mit dem Spezial- Anhänger in das Schlachtlokal gefahren. Dort hilft Cäsar wieder beim Zerlegen, weil er alles vom Tier verwerten möchte. Eine Rinderniere, die noch intakt gebraucht wird, muss anders aus dem Tierkörper genommen werden als eine für den Abfall. Das Fett verwertet Cäsar ebenfalls, nicht nur für die Wurst, sondern auch als Spezialität. Danach veredelt Cäsar die Fleischstücke nach eigenen Rezepten zu Rinds- und Schweinsbratwürsten, zu Lardo, Chorizo, spanischem Schinken, Mostbröckli, Ziegensalami etc. – die Liste seiner Spezialitäten ist ellenlang und immer mal wieder findet ein neues Rezept Eingang in Cäsars Repertoire. Bloss keine Langeweile aufkommen lassen ist das Motto, und doch weiss Cäsar auch, dass die Leute zwar gern mal was Neu- es probieren, doch zu exotisch soll es dann auch wieder nicht sein. Diese Rückmeldung bekommt Cäsar in seinen Gesprächen mit Restaurantbesitzern, Köchen, Caterern und Privatkunden auf dem Markt und beim Hofverkauf immer mal wieder. Die Kontakte sind in vielen Jahren der Zusammenarbeit gewachsen und verbindlicher geworden. So kann der Hof Silberdistel alle seine Produkte ohne viel Werbung direkt vermarkten. Neulich kam sogar mal die Anfrage des Restaurants Stalden in Solothurn, ob Cäsar ihm nicht alles Fleisch, das es braucht, liefern könne. «Das ist eine schmeichelhafte Anfrage und wir freuen uns sehr darüber, dass die gute Qualität unseres Fleisches und unser Haltungskonzept überzeugen. Doch diese Anfrage zu bedienen, bedeutet eine grosse Herausforderung für uns.» Denn zu wach- sen kommt für Familie Bürgi nicht in Frage. Lieber gehen sie noch mehr in die Tiefe bei dem, was sie tun. Erforschen, was noch möglich ist an Verbesserung. Da sind zum Beispiel der Gemüsebau und die Gästebetreuung, die mehr Bedeutung bekommen könnten. Doch dies bräuchte zusätzliche Menschen, die es in die Hand nehmen. Familie Bürgis und Sara, die als Alleinerziehende mit ihren drei Kindern ebenfalls auf dem Hof lebt und arbeitet, haben zusammen mit einem Lehrling bereits alle Hände voll zu tun.

    Zusammenarbeit sinnvoll gestalten

    Nicht immer ist es einfach, sich im Familien- und Arbeitsalltag bei all den vielfältigen Aufgaben gut abzustimmen. Die beiden Familien haben für sich entschieden, zwei klar getrennte Haushalte zu führen. Klar isst man mal zusammen oder trinkt ein Feierabendbier. Die insgesamt sechs Kinder spielen viel miteinander, sind mit dem Pony unterwegs, erkunden Hof und Umfeld und trainieren zusammen für ihre Zirkusvorstel- lungen. Doch jede Familie ist auch für sich und hat intensive Eltern-Kinder-Zeiten. «Präventiv asozial» sein nennt Cäsar dieses bewusste Ziehen von Trennlinien. Mit einem Nachbar teilt er sich die meisten Maschinen und einen Trecker. Das klappt wunderbar und beide profitieren von dieser Kooperation. Als Lena und er den Hof in Pacht übernommen haben, haben er und sein Bruder die Betriebsgemeinschaft, die sie fast zehn Jahre lang auf zwei anderen Höfen hatten, aufgelöst. Mit noch einem dritten Hof wäre das Konstrukt wohl zu unübersichtlich geworden. Darum entschieden sich die Brüder für eine aus ihrer Sicht qualitativ höhere Form der Zusammenarbeit, nicht pauschal Gemeinschaft, sondern das gezielte Nutzen von Synergien. So ist beispielsweise das Hirschfleisch von Bruder Oliver auch über Hof Silberdistel zu beziehen.

    Cäsar und Lena haben sich die Betriebszweige klar aufgeteilt. Cäsar ist zuständig für Verarbeitung, Vermarktung, Buchhaltung und Technisches. Lena kümmert sich um die Zucht und Versorgung der Tiere und bildet die Lehrlinge aus. Sie kümmert sich um Haushalt und Garten, inklusive einer weitreichenden Selbstversorgung. Sie sagt von sich selber etwas tiefstapelnd: «Ich bin das aus- führende Organ; ich setze mit Sara und dem Lehrling jeweils die neuen Ideen in die land- wirtschaftliche Praxis um und trage sie im Alltag.» Manchmal sei es bei all den Aufgaben – die Klauenpflege machen sie auch selber und versuchen bei Krankheit, die Tiere immer erst über Pflegemassnahmen wieder gesundzubekommen – gar nicht so einfach, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Da ist es dann wertvoll, wenn jemand von ‹aussen› einen Blick wirft und zum Beispiel Cäsar fragt: «Könnte man es nicht auch so machen?» Ein kleiner Umbau erleichtert die Ar- beit unter Umständen sehr. Im Betriebsalltag immer wieder Raum zu schaffen, um Dinge wie das mobile Gewächshaus oder das neue Weidemanagement auszuprobieren, ist allen Hofmitarbeitern ein wichtiges Anliegen.

    Um neue Projekte zu diskutieren und weiterzuentwickeln, findet Cäsar den Austausch mit Kollegen sehr wichtig. Er tut dies unter anderem im Rahmen eines selbstorganisierten Arbeitskreises, der sich regelmässig auf einem der Betriebe seiner Mitglieder trifft. Beim nächsten Termin werden Cäsar und Lena das Hühnermobil und die Idee der Hofschlachtung vorstellen. Auch der Verzicht auf die Kastration, die Zucht des Bunten Distelschweins und der Aufbau einer eigenen Hühnerzucht sind Themen, über die das Ehepaar jederzeit gerne diskutiert, eigene Erfahrungen weitergibt und selber Neues erfährt.

    Sonja Korspeter, 2018

     

    Betriebsspiegel:

    Bio-Viehbetrieb auf 750m ü.M. im Jura

    Lena und Cäsar Bürgi mit Beryll, Serafin und Anatol,

    Mitarbeiterin Sara, Lehrling Flurin.

    Graslandbasierte Tierhaltung, Fleischverarbeitung,

    Direktvermarktung, Zuchttierverkauf, Ferienwohnung.

    30 Rote Angus-Mutterkühe plus 40-50 Tiere Nachzucht, 1 Stier,

    20-30 Burenziegen, 1 Bock,

    3 Sauen, 1 Eber, Ferkel und Mastschweine,

    50-60 Hühner, Bruthennen und Masthähnchen,

    1 Urfreibergerstute, 1 Pony.

    44ha LN, davon 34 ha Grünland und 10 ha Wald.

    www.silberdistel-kost.ch


    Beschreibung der Hofschlachtung

    Saukarawan - Mobiler Schweinestall

    Bäuerliche Hühnerzucht

     

    Dieser Text ist in leicht abgewandelter Form in der Ausgabe 3/2018 der Zeitschrift Kultur und Politik erschienen. Hier geht es zum pdf des Artikels