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Biodiversität im Rebberg

Hans-Peter Schmidt experimentiert auf seinem Weingut Mythopia im Wallis in der Schweiz, das zugleich ein Forschungsinstitut beherbergt, mit verschiedensten Möglichkeiten, die Biodiversität im Rebberg zu erhöhen. „Meine Motivation ist nicht nur der ästhetische Wunsch nach Blüten und Grashüpfern im Weinberg. Das Ziel der Biodiversitätsförderung besteht darin, die Weinberge zu stabilen Ökosystemen umzuwandeln und durch eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Kräfte die Terroir- und die Weinqualität zu steigern.“ In stabilen Ökosystemen seien die Pflanzen widerstandsfähiger und natürliche Abwehrmechanismen machten es möglich, den klassischen Pflanzenschutz zu minimieren.

 

In Bezug auf den Traubenwickler wurden auf dem Weingut beispielsweise Versuche mit Bienen im Rebberg gemacht. Schmidt nimmt an, dass die Anwesenheit von Bienen den Fressschaden durch den Traubenwickler vermindert. Dies erkläre sich folgendermassen: „Soziale Faltenwespen sind natürliche Feinde des Traubenwicklers. Diese Raupen sind jedoch in der Lage, herannahende Wespen mit Hilfe von Sinneshärchen auf der Brust zu registrieren und reagieren mit Stillhalten bzw. Fallenlassen auf die Gefahr. Da Bienen in einem ähnlichen Frequenzbereich summen wie Wespen kann der Blütenbesuch bei Raupen die gleiche Reaktion auslösen. Als Folge fällt der Fressschaden an den Rebpflanzen durch den Traubenwickler bei hoher Bienen-Flugfrequenz deutlich geringer aus.“ Der Winzer kann zudem den Weinberg-Honig ernten und die Bienen übernehmen die Bestäubung von Obstbäumen in den Randzonen des Rebbergs.

 

Obstbäume, Büsche und Hecken in und um den Rebberg herum sind ein weiteres Element der Biodiversitätsstrategie des Weingutes Mythopia. Sie locken Vögel, Schmetterlinge, Insekten und Reptilien an. Auch Steinhaufen und Ausgleichsflächen mit Aromakräutern und Wildblumen sollen dazu beitragen, die Vielfalt an Arten zu erhöhen und so das Ökosystem Rebberg wieder komplexer zu machen. Schmidt erläutert: „Bäume dienen auch als Sporenfänger und ermöglichen die Verbreitung von Hefen und anderen Pilzen im Rebberg. Die Vielfalt natürlicher Hefen zur Weinherstellung nimmt so ebenso zu wie auch die Zahl der Konkurrenten der Schadpilze.“

Der Pflanzenschutz gegen Pilze sei zwar weiterhin notwendig, jedoch mit 5-7 Durchgängen pro Jahr deutlich reduziert. Zum Einsatz kommenBackpulver, Molke, Kupfer, Kräuterextrakte und manchmal Schwefel.

Die geringere Traubenernte durch die Nutzung von Platz im Rebberg für die Anpflanzung von Sträuchern und Obstbäumen lasse sich durch die Ernte und Verarbeitung der Früchte kompensieren.

 

Über Begleitkräuter im Rebberg freuen sich laut einer Studie von Katia Gindro (2010) auch die Mykkorhizen. Diese Pilzarten siedeln sich an den Wurzeln der Pflanzen an und tauschen Stoffe mit diesen aus: sie erhalten Zucker und geben Phosphat, Stickstoff und andere Mineralstoffe an die Pflanze. Bei guter Mykkorhizierung könne die Rebpflanze mehr Nährstoffe aufnehmen, wachse dadurch besser, sei widerstandsfähiger gegen Krankheitserreger und mache bessere Trauben. Aus denen der Winzer dann wiederum einen wohlschmeckenden Wein keltern kann. In Mythopia wird deshalb auch mit speziellen Mykkorhiza-Produkten experimentiert. Insbesondere wird aber auch viel ausprobiert, welche Kulturen sich besonders als Begrünung oder für eine Mischkultur mit Weinreben eignen. Entscheidend ist hierbei auch, auf welche Art diese Kulturen gepflegt werden.

 

Schmidt ist überzeugt davon, dass der Boden nicht gewendet und die Pflanzen nicht zerschnitten werden sollten. Deshalb hat er ein eigenes Gerät entwickelt – den Rolojack. Dies ist eine Walze mit geschwungenen stumpfen Klingen, die die Bodenbegrünung abknickt und auswalzt. Der Boden werde so gegen Erosion und Trockenheit geschützt, die Bodenaktivität gefördert, Stickstoff und CO2 blieben gebunden. „Früher haben die Hufe von Haustieren die Arbeit des Rolojack im Rebberg übernommen“, erzählt Schmidt.

 

Tiere im Weinberg

Hühner, Schweine und Schafe im Rebberg waren bis vor 50 Jahren noch ein ganz alltägliches Bild. Sie weideten auch zwischen den Rebstöcken, weil das Weideland knapp war. Man hielt sie zur Düngemittelproduktion und für die Eigenversorgung.

Im Rebberg übernahmen sie beim Fressen zugleich Pflegearbeiten an der Begrünung. Sie halten sie kurz, wandeln sie in wertvollen organischen Dünger um und liefern ausserdem Eier, Milch, Wolle und Fleisch. Schmidt hat auf seinem Betrieb festgestellt, dass sie durch ihre Anwesenheit zudem für eine deutlich höhere Vielfalt an Mikroorganismen sorgen, was die Gefahr von Schädlingen minimiere. „Die Mikroorganismen im Dung sorgen in Kombination mit dem Niedertrampeln der Begrünung (lebendiger Rolojack) für die Förderung des Bodenlebens sowie für Schutz und Aufbau von Humus. Schafe (sie müssen klein genug sein, um keinen Schaden anzurichten) fressen im Frühjahr auch die an den Stämmen wachsenden Seitentrieben und erledigen so automatisch einen Arbeitsgang des Winzers – das Stammputzen.

 

Allerdings machen die Tiere selber auch eine Menge Arbeit – sie müssen eingezäunt und immer wieder umgetrieben werden. Hühner brauchen Schutz vor Fuchs und Greifvögeln. Eier und Fleisch müssen vermarktet werden. Doch nicht jeder Winzer ist auch gerne Hühnerhalter und Eierverkäufer.

Es gilt also abzuwägen, ob und welche Tiere gehalten werden. Mehr Arbeit macht auch die Pflege von Obstbäumen und Hecken oder die Anlage und Ernte von Gemüsekulturen oder Früchten zwischen den Rebreihen. Die Befahrbarkeit des Rebbergs wird unter Umständen eingeschränkt. Schaut man sich die Erhöhung der Biodiversität unter rein ökonomischen Gesichtspunkten an, so rechnen sich Obstbäume, Hecken, Tiere, Aromakräuter und Salat als Begleitpflanzen heute sicher nicht. Zu gross ist der Aufwand – zu teuer die Arbeit.

 

Doch sind einem Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz und lebendige Naturräume ebenso wichtig wie eine hohe Weinqualität, so ist es sinnvoll über Massnahmen für mehr Biodiversität und die Entwicklung von ökologischen Gleichgewichten im eigenen Rebberg nachzudenken. Hinzu kommt, dass der Aufwand für den Pflanzenschutz sinkt. Und das Arbeitsumfeld Rebberg wird deutlich attraktiver, wenn statt endlosen Reihen Monokultur vielfältige Weingärten mit Bienengesumm, bunten Blüten und schattigen Pausenplätzchen entstehen.


Sonja Korspeter.


Kontakt zu Hans-Peter Schmidt: www.mythopia.ch und www.ithaka-institut.org/de


Dieser Text erscheint als Element eines längeren Artikels im Februar 2016 in der Zeitschrift oya.