Home > DE > Pflanzen > Pflanzenfamilien > Wildkräuter > Portraits essbarer Heilpflanzen > Giersch

Porträt der essbaren Heilpflanze Giersch

    Hier finden Sie vielfältige Informationen zum Giersch - bitte entweder die Unterpunkte entsprechend des Interesses öffnen oder "Alle anzeigen" klicken und so alles angezeigt bekommen.



    Name

    Deutscher Name
    Giersch

    Botanischer Name
    Aegopodium podagraria

    Familie

    Apiaceae, Doldenblütengewächs, Schirmblütler

    Volksnamen

    Baumtropfen, Bodenholunder, Dreiblatt, Geissfuss, Gärtnerschreck, Gichtkraut, Hirschtritt, Podagrakraut, St. Gerhardskraut, Schwierkraut, Schattenblatt, Franz.„petit Angélique“, (Blätter ähneln der Engelwurz), Engl. goutweed, ground elder

    Beschreibung

    Bis zur Vollblüte wird die Pflanze etwa 50 - 80 cm hoch. Die Blätter sind wechselständig angeordnet, haben eine stängelumfassende Blattscheide und sind grob zweizählig gegliedert. Zwei einzelne Blättchen nebeneinander ergeben die Form eines Ziegen–Trittsiegels. Die Blüte, fünfzählig, winzig, weiss, in Dolden. Er wächst sehr gut an feuchten, trockenen, sonnigen, schattigen, stickstoffreichen und stickstoffarmen Standorten, bis in 1000m Höhe.

    Sammeln

    Die Blätter im Frühjahr bis in den Spätherbst, wenn er regelmässig abgepflückt wird.

    Garten
    Den Namen Gärtnerschreck bekam der Giersch wohl wegen seiner hartnäckigen Art. Wer ihn mit der Hacke ausrotten will, kennt sein Wesen nicht. Denn jedes zerhackte Wurzelstückchen wächst zu einer neuen, eigenständigen Pflanze heran, und eine einzige Pflanze kann innerhalb eines Jahres mindestens einen Quadratmeter Land erobern. Die Gesellschaft von Tagetes, schwarzer Königskerze (Verbascum nigrum), Baldrian (Valeriana officinalis) und Storchschnabel (Geranium robertianum, G. sylvaticum) mag der Giersch nicht besonders. Ein Hinweis für gestresste GärtnerInnen, dicke Mulchschichten vermögen ihn (ein bisschen!) zu hemmen. Giersch ist ein absolut wartungsfreies und unentwegt nachwachsendes Dauergemüse. Die beste Methode, den Giersch zu dezimieren, ist deshalb „aufessen“!

    Inhaltsstoffe

    Flavonoide, Saponine, Bitterstoffe, äth. Öl, Kalium, Eisen, Vitamin C (5 Mal mehr Vitamin C als Zitrone), Karotin, die Vorstufe des Vitamin A, 6,7g Eiweiss pro 100g. 

    Wirkung

    Entgiftend, blutreinigend, harnsäureausleitend, stoffwechselanregend

    Anwendung in der Volksheilkunde

    Bei Husten, Lungenkatarrh, Rheumatismus, Gicht und Gelenkschmerzen. Gierschtinktur gegen Akne, die befallenen Gesichtspartien betupfen. Auch die Homöopathie verwendet den Giersch gegen Arthritis, Rheuma und Gicht.

    Pfarrer Künzle: „Der Geissfuss ist eine herrliche Medizin gegen alle Arten Rheumatismus, Ischias, Gicht und Podagra.“ Der Kräuterpfarrer lobt weiter: „Der Absud von gedörrten Geissfusswurzeln ist ausnehmend gut zu Bädern bei Rheuma, Gicht und Krampfadern. Rheumatiker und Gichtiker sollten Salat vom jungen Geissfuss kurmässig geniessen; denn er vertreibt ihnen die so schädliche Harnsäure.“ Künzle lobt auch die Inhalation von Gierschblättern bei hartnäckigem Schnupfen. Dazu werden getrocknete oder frische Blätter auf glühende Kohlen oder eine heisse Wärmeplatte aufgelegt. Die Volksheilkunde schätzt das „Zipperleinskraut“, innerlich als Teeaufguss und äusserlich als Umschläge und Bäder.

    Besonderes
    Frische, junge Blätter werden ins Futter für die Tiere gemischt, um den Stoffwechsel anzuregen und mild nierenanregend zu wirken.

    Dosierung und Rezepturen

    Einen TL Gierschblätter auf 1 Tasse heisses Wasser, 7 Minuten ziehen lassen. Teekur mit 3 Tassen pro Tag 6 Wochen lang.
    Die getrockneten Wurzeln ebenfalls als Tee.
    Tee aus Gierschblüten mit Salbei oder Wachholder gemischt.
    Umschläge aus zerquetschtem Kraut samt Wurzeln auf schmerzhafte Stellen.

    Frischsaftkur: Saft von jungen Blättern mit der 5fachen Menge Mineralwasser oder Buttermilch verdünnen, ansteigende Dosierung um eine Erstverschlimmerung zu vermeiden, 1-10 EL in 1-10 Tagen.

    Aus getrockneten Blättern mit Meersalz ein Badesalz herstellen.

    Gierschbalsam: Gierschblätter und Wurzeln, 300 ml kaltgepresstes Olivenöl, 30 g Bienenwachs. Blätter und Wurzeln kleingeschnitten in Olivenöl bei 70 Grad ca. 20 Minuten lang „ausziehen“, danach durch einen Filter abseihen. Das Auszugsöl in den Topf zurückgeben und wieder auf die heiße Platte stellen. Das Bienenwachs einrühren und schmelzen lassen. Den Topf vom Herd nehmen und noch etwas kalt rühren. In Salbendöschen füllen und zum Auskühlen mit einem sauberen Tuch bedecken. Anschließend den Deckel schließen und etikettieren.

    Nebenwirkungen

    Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

    Namensherkunft,Geschichte und Mythologie

    Aigos lat. = Ziege
    Podos = Fuss
    Podagra = Fussgicht
    Zipperleinkraut (Zipperlein alte Bezeichnung für Fussgicht, zwingt zu „tippelnden, zippelnder“ Gangart)

    Nicholas Culpeper berichtet 1649 in seinem Kräuterbuch „The Complete Herbal“: „Man sollte nicht annehmen, dass das Gichtkraut ohne zwingenden Grund seinen Namen bekam, sondern weil man erfahren hatte, dass es die Gicht und die Ischiasschmerzen, also Gelenkschmerzen und andere kalte Leiden zu heilen vermag. Schon das Beisichtragen des Heilkrautes lindert die Schmerzen und schützt vor Befall.“ Gicht galt als eine fahrende Krankheit, die durch Schadenszauber angezaubert oder von Hexen „geschossen“ werden kann. Heilende Wirkung hatte auch ein Schutzamulett, ebenso die Gicht besprechen, aus Sargnägeln geschmiedete „Gichtringe“ tragen, die Gicht an Tieren oder an Wegkreuzungen abstreifen.
    „Prassen bringt Gicht“ sagt Wilhelm Busch.
    Weil die alten Römer nicht auf ihre ausschweifenden Fressorgien verzichten wollten, bauten sie das Gichtkraut an. Sie brauchten es nötig, als lindernde Blattauflage für ihre schmerzenden Glieder. Gicht wird als typische Wohlstandserkrankung bezeichnet.
    Sankt Gerhardskraut heisst der Giersch im Volksmund. Dies ist der Name des Schutzheiligen der Gichtkranken.
    Tabernaemontanus, Arzt im 16. Jahrhundert, lobt den Giersch: "Schweissbäder davon gemacht / des Pulvers Quintlein mit Wein getruncken / verhütet vor Zipperlein und Gliedsucht / vertreibet das kalt und lauffend Gegicht / in den Gliedern.“ Offensichtlich kannte er auch die andere Seite: „Es hat eine kleine Wurzel / die kreucht in dem Erdreich hin und her / nimmt in kurzer Zeit einen gantzen Garten ein / dann wo sie einmal inwurzelt / ist sie nicht leichtlich mehr auszurotten.
    Der Giersch, wohl eines der ältesten Wildgemüse, kann vielseitig verwendet werden. Im 16. Jahrhundert, noch bevor der Spinat bei uns heimisch wurde, war der Giersch, als gesundes Nahrungsmittel, vor allem beim einfachen Volk, sehr beliebt.
    Im 17. Jahrh. war Geissfusssamen bekannt unter dem Namen „äthiopischer Kümmel“, getrunken und äusserlich appliziert, nahm er der Haut die Farbe und machte blass. Blässe galt damals als fein, als die Hautfarbe der besseren Leute.

    Gierschlied
    Melodie: Auf der schwäb`sche Eisebahne
    Wenn du durch den Wald tust gehen
    kannst du dort den Giersch gleich sehen.
    Was da unterm Baum rausschaut
    ist Gemüse - Gicht- und Suppenkraut.
    Trula trula trula la
    Nimmst du dir den Tee vom Geissfuß
    Harnsäure weiss wo sie hinmuss.
    Schmerzen dort am grossen Zeh
    Blätter drauf `s tut nimmer weh.
    Trula trula trula la
    Baumtropfen ist auch sein Name
    seine Blüten für die Dame.
    Die Wurzeln treiben weg die Mängel,
    Sauerkraut mach aus dem Stängel.
    Trula trula trula la
    Das Zipperlein wird er vertreiben
    in jedem Garten tut er bleiben.
    Der Geißfußsamen ist bekannt,
    „Äthiopischer Kümmel“ wird er genannt.
    Trula trula trula la

    Kulinarisches

    Zum Salat junge Blätter mit Blattsalat, zu gleichen Teilen, mischen.
    Gierschblätter eignen sich als Verzierung auf der Fleisch- oder Käseplatte.
    Die jungen Blätter lassen sich als Ersatz für Basilikum zu Tomaten verwenden.
    Junge Stängeltriebe schmecken gut in Kartoffelgerichten, z. B. grünes Kartoffelpüree.
    Getrocknete Blätter ergeben ein würziges Kräutersalz.
    In Russland werden die Blattstiele wie Sauerkraut eingestampft.
    Die Wurzeln trocknen und rösten ergibt ein schmackhaftes Getränk, dem Malzkaffee ähnlich.

    Erfrischender Kräuterauszug:
    8 Gierschblätter
    3 Zweiglein Thymian oder Quendel
    3 Zweiglein Pfefferminze oder Zitronenmelisse
    1 Gundelrebe
    2 Schafgarbeblätter, evtl. auch Blüten
    zu einem Sträusschen zusammenbinden und (wenn möglich) in einen Glaskrug hängen
    1 Liter Süssmost und 1 Bio-Zitrone in Scheiben geschnitten dazugeben und 1 - 2 Stunden an der Sonne ziehen lassen. Kräuter herausnehmen und den Kräutermost geniessen.

    © Ingeborg Sponsel, www.naturweise.de

    Literaturhinweis
    Das grosse Buch der Heilpflanzen / M. Pahlow / Bechtermünz Verlag
    Das grosse Kräuterheilbuch / Pfarrer Johann Künzle
    Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor / W. D. Storl