Energieproduktion auf dem Bauernhof

Wärmeverbund mit Holzschnitzeln

Der Betrieb Vogel-Kappeler hat drei Standbeine: Ackerbau, Junghennenaufzucht, Energieproduktion. Energieproduktion? Allerdings.
Was als einfache Remise geplant war, ist heute das Herzstück eines Wärmeverbunds: Die Hackschnitzel-Anlage heizt nicht nur den eigenen Hühnerstall und das Wohnhaus, sondern versorgt rund 40 Liegenschaften mit nachhaltiger Fernwärme.

Simone und Andy interessieren sich sehr für erneuerbare Energiequellen. Sie fahren Elektroautos, experimentieren seit dem Herbst 2025 mit Bio-Diesel und decken 40 % ihres Strombedarfs über die eigene Photovoltaik. Da ist es naheliegend, dass auch die Heizenergie aus einer nachhaltigen Quelle stammen soll.

Dabei war das am Anfang gar nicht so geplant. Andy und Simone wollten lediglich eine neue Remise bauen, um die betriebseigenen Maschinen unterstellen zu können. Parallel kam im Dorf die Idee auf, einen Wärmeverbund zu gründen. “Das war 2008, die Heizölpreise waren hoch und die Leute suchten nach Alternativen.”

Über zwei befreundete Hauseigentümer kam die Idee auf, dass Andys und Simones Betrieb der Standort für die Heizzentrale sein sollte. Als dann auch noch der Eigentümer einer nahegelegenen Überbauung Interesse an Fernwärme zeigte, ging es plötzlich Schlag auf Schlag.

Ein Wärmeverbund wurde gegründet und die neuen Häuser der Überbauung wurden ohne eigene Heizungen gebaut, im Vertrauen auf die externe Heizzentrale. Kurz vor den Sommerferien kam die Baubewilligung und vor dem Winter musste die Anlage stehen, schliesslich sollten die Leute in ihren neuen Wohnungen nicht frieren. Dass die ganze Planungs- und Bauphase so zügig ablief, ist kein Zufall.

Andy meint: “Damit ein solches Projekt gelingen kann, braucht es in erster Linie Leute, die mit Herzblut dabei sind, die etwas anpacken und durchziehen.”

Technische Details

Aktuell verfügt die ganze Anlage über zwei Heizkessel, einen mit 500 kW und einen mit 110 kW, sowie einen Speicher mit 16 m3. Der Speicher ermöglicht einen gleichmässigen Betrieb der Anlage, da der Heizkessel nun über die Temperatur des Speichers gesteuert wird. Vor dem Einbau des Speichers passte sich der Heizkessel permanent dem Verbrauch an. Dadurch war die Maschine immer am Hochregeln und dann wieder am Herunterfahren. Seit dem Einbau des Speichers verlaufen diese Kurven viel ruhiger, der Betrieb ist maschinenschonender und energieeffizienter.

Zudem bietet der Speicher den Vorteil, dass kurze Wartungsarbeiten an den Kesseln oder Störungen überbrückt werden können, ohne dass die Wärmebezüger etwas davon merken. Der kleine Kessel wiederum dient einerseits dazu, den grossen Kessel in Spitzenzeiten zu entlasten. Andererseits übernimmt er im Sommerhalbjahr das Aufladen der Warmwasserboiler. In dieser Zeit können auch grössere Wartungs- und Revisionsarbeiten am Hauptkessel durchgeführt werden.

Die Anlage ist seit Beginn mit einem Feinstaubfilter ausgerüstet, sodass die strengsten Luftreinhaltenormen immer problemlos eingehalten werden. Das ist Andy sehr wichtig.

Verfeuert werden Holzschnitzel aus dem nahen Wald. Das Dorf Wäldi ist mehr oder weniger von einem riesigen Wald-Halbmond umgeben, Holz ist also genug vorhanden. Mit dem örtlichen Forstbetrieb hat Andy einen Rahmenvertrag, der definiert welche Mengen und Qualitäten er bezieht.

Das Holz wird nach dem Fällen bis zu sechs Monate gelagert – abgedeckt und nicht direkt auf dem Boden. Eine gewisse Restfeuchtigkeit ist aber nicht schlecht, weil bei zu trockenen Schnitzeln der Kessel eher überhitzt. Nach der Lagerung hackt und liefert ein lokales Forst-Unternehmer die Schnitzel. Andys Ziel ist es, Holz für etwa drei Wochen vorrätig zu haben. So ist das Lager nicht überfüllt, aber trotzdem besteht eine Sicherheitsreserve.

Und auch bei der Qualität sind die Anforderungen spezifisch: Am liebsten Laubholz und sicher nicht zu viel Kronenmaterial. Dort ist nämlich der Rindenanteil erhöht. Die Rinde wiederum hat einen schlechteren Brennwert und führt so zu erhöhtem Asche-Anfall. Die Asche muss kostenpflichtig entsorgt werden. Ausserdem neigt die Rinde dazu, auf dem Haufen eher zu vermodern. So kommt viel Dreck in den Schnitzelbunker und den Ofen.

Andy bezahlt seine Schnitzel per Kubikmeter. Im Schnitzelhandel ist sonst auch teilweise die Bezahlung pro Energiegehalt üblich. Davon hält Andy allerdings nichts, weil er dann keinen Einfluss auf die Schnitzelqualität hat und minderwertige Schnitzel nur zu mehr Arbeit und Störungen an der Anlage führen.

“Einmal gab mir ein Bekannter Schnitzel aus gerodeten Obstbäumen mit extrem hohem Rindenanteil”, erinnert sich Andy.

“Das war zwar lieb gemeint, kam aber trotzdem nicht gut heraus. Die verrotteten im Bunker – am Ende musste ich die Hälfte mit dem Miststreuer auf dem Acker verteilen.” Seither setzt er ausschliesslich auf qualitätsgesicherte Lieferungen vom Forstbetrieb Ermatingen, auch wenn sie etwas teurer sind. “Billige Schnitzel mit schlechtem Brennwert zahlen sich langfristig nicht aus”, betont er. Und auch ökologisch und arbeitstechnisch macht es Sinn, Schnitzel aus dem nahegelegenen Wald zu kaufen. Durch die langjährige Zusammenarbeit mit Forstbetrieb und Hack-Unternehmen läuft die Schnitzel-Beschaffung einfach und problemlos.

Die Asche wird seit kurzem nicht mehr auf die Deponie verfrachtet, sondern als Zuschlagstoff in der Zementherstellung verwendet. Zwar ist auch diese “Entsorgung” kostenpflichtig, schliesslich muss die Asche eingesammelt werden. Da der Kreislauf-Gedanke Andy und Simone jedoch sehr wichtig ist, sind sie glücklich, dass ihre Asche nicht einfach entsorgt werden muss.

Insgesamt verbraucht der Wärmeverbund etwa 1’100 m3 Schnitzel im Jahr.

Voraussetzungen für einen Wärmeverbund

Nicht jeder Standort eignet sich für einen Wärmeverbund. “Die Lage (Zone), Emissions-Regelungen, Zufahrtsmöglichkeiten für LKWs und die Nähe zu Abnehmerquartieren sind entscheidend”, erklärt Andy. Aber auch die Betreiberfamilie muss einige Voraussetzungen erfüllen: Die Zeit und das Interesse müssen da sein, sich in die technischen Details der Anlage zu vertiefen. Und nicht zuletzt auch Freude an Technik und erneuerbaren Energien.

Organisation und Rechtsform

Der Wärmeverbund ist eine Genossenschaft. Diese Genossenschaft ist im Besitz der Wärmeleitungen, die zu den einzelnen Liegenschaften führen. Andy und Simone wiederum gehört die Wärmezentrale, also das Gebäude inkl. Heizkessel, Steuerung etc. Die Genossenschaft und Familie Vogel-Kappeler haben einen Abnahme-Vertrag, in dem auch ein gegenseitiges Vorkaufsrecht für die jeweilige andere Partei festgelegt ist.
“Als alleinige Eigentümer der Wärmezentrale tragen wir natürlich auch das unternehmerische Risiko”, erklärt Andy. “Der Produktionsausfall ist zwar versichert, aber ein Restrisiko bleibt immer – das ist Teil des Unternehmerdaseins.” Diese Eigenverantwortung ermöglicht es ihnen aber auch, schnell und flexibel zu entscheiden, etwa beim Einkauf des Holzes oder bei Wartungsfragen.

Andy hat die Genossenschaft als Ansprechpartner und stellt dieser eine Rechnung für die gesamte bezogene Energie. Die Genossenschaft wiederum teilt diesen Betrag auf die einzelnen Mitglieder auf. Die Heizzentrale verfügt über eine zentrale Steuerung, die den Verbrauch der einzelnen Verbraucher automatisch addiert und Störungen anzeigt. So bleibt der administrative Aufwand klein und kleine Störungen können oft von Andy direkt behoben werden.

Dass die Holzqualität stimmt, ist mir sehr wichtig. Dank meiner langjährigen und guten Zusammenarbeit mit dem Forstbetrieb Ermatingen und dem Hack-Unternehmer weiss ich, dass ich immer gute Schnitzel bekomme. Diese sind zwar vielleicht etwas teurer als andere Ware auf dem Markt, dafür so, wie ich sie mir wünsche. Dank dem, dass ich alleine entscheiden kann, welche Schnitzel ich kaufe, bin ich nicht gezwungen, die Sparideen anderer Leute umzusetzen, welche schlussendlich mehr Kosten verursachen.

Andy

Arbeitsaufwand und Finanzielles

Der Start war intensiv: „In den ersten sechs Monaten verbrachte ich fast jeden Tag mehrere Stunden in der Heizzentrale“, lacht Andy. „Simone scherzte damals, ich solle mir ein Bett dort aufstellen!“ Mittlerweile ist der Aufwand überschaubar. Mit der Routine bringen kleine Störungen Andy nicht mehr aus der Ruhe. Meist sind sie nur klein und einfach zu beheben, beispielsweise eine Verstopfung bei der Schnitzelförderung.

Andy ist überzeugt von den Vorteilen der Schnitzelheizung, betont aber auch: “Eine Schnitzelheizung mit all den Klappen, der Mechanik, den Förderschnecken ist einfach störungsanfälliger als eine Öl- oder Gasheizung, da kann man sich nichts vormachen.” Auch heute noch ist es Andy ausserordentlich wichtig, bei Problemen diese so schnell zu lösen, dass die Bewohner:innen der Liegenschaften gar nicht merken, dass mal etwas war. Hierzu pflegt er eine gute Zusammenarbeit mit einem Heizungstechniker.

Zukunftsmusik

Der begrenzende Faktor für einen Anschluss weiterer Liegenschaften sind die Kapazitäten der Leitungen. Um den Wirkungsgrad möglichst hoch zu halten, wurden diese so knapp wie möglich dimensioniert. Deshalb können nicht unbegrenzt neue Liegenschaften an die bestehenden Leitungen angeschlossen werden. Einzelne, zum Teil von Anfang an geplante, neue Häuser werden aber in den nächsten Jahren noch dazukommen.

Fazit

Die Wärmezentrale macht einen wichtigen Teil des Betriebseinkommens von Andy und Simone aus. Auch wenn sie nicht als Landwirtschaftlicher Betriebszweig anerkannt ist und beispielsweise nicht zur Berechnung der SAK* zählt, ist sie für den Betrieb als eines von drei Standbeinen zentral.
Für die Wärmebezüger hat die Fernwärme nicht nur finanzielle Vorteile: “Kein Heizraum, kein Aufwand für Kaminfeger, Unterhalt oder Brennstoffbeschaffung – und vor allem ein gutes ökologisches Gewissen”, zählt Andy auf. “Und obwohl wir kein großer Verbund sind, können wir preislich durchaus mithalten.” Und auch die aktuelle globale Situation macht erneuerbare Wärmequellen attraktiv: “Der Ölpreis ist der grösste Kostenfaktor einer Ölheizung, momentan spricht die Weltlage also für uns.”


Laura Gisler, 2026


*SAK = Standardarbeitskraft: Standardisierte Berechnung des Arbeitsaufwandes eines Betriebes. Der SAK-Wert wird in der Schweiz als Mass für die ‘Grösse’ eines Betriebes berechnet. Ab einer bestimmten Grösse gilt ein landwirtschaftlicher Betrieb als Gewerbe und ist damit z.B. bezüglich Direktzahlungen, Raumplanung oder Nebenerwerb bevorzugt.

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Bio-Buur Vogel-Kappeler
Wäldi
Andy Vogel-Kappeler
9 ha
2 ha
Bio Suisse
Ackerbau, Junghennen-Aufzucht, Energie-Produktion
Körner-Mais, Speise-Soja, Speisehafer, Futterweizen, Kleegras
In der Vergangenheit Experimente mit Brennnesseln und Öllein
4000 Plätze Junghennen-Aufzucht
600 m ü. M.
1000 mm
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