Winterexperiment mit Tannenreisig, gelangweilten Tieren und offenen Fragen


Seit einigen Wochen fällt auf, dass unsere Tiere wieder deutlich mehr am Holz des Stalles herumnagen. Jedes Mal, wenn ich in den Stall komme, sehe ich neue helle Stellen. Besonders auffällig sind die Löcher, die die Tiere in die Kotkante (hinterer Abschluss der Liegebox) nagen. Aber auch die Fassade und Tore werden beständig bearbeitet.

Nagespuren an der Kotkante

Ist es Langeweile? Ist es eine Verhaltensstörung ähnlich dem Urin-Schlecken (immerhin sind die Kotkanten wahrscheinlich recht Ammoniak-getränkt)? Sehnen sich unsere Tiere schlicht und einfach nach Abwechslung? Oder ist es eventuell ein Mangel?

Die Fragen sind immer noch die gleichen wie im Sommer, als ich die ersten Laubfütterungs-Versuche gestartet habe.

Nun, die Möglichkeit, frisches Laub zu verfüttern ist im Winter sehr limtiert.

Vielleicht geht es unserem Vieh einfach so wie uns und sie sehnen sich nach frischem Grün, Abwechslung auf dem Speiseplan und mal etwas Saftigem. Seit einiger Zeit haben wir keine Hühner mehr und haben nun gemerkt, dass auch Kühe die meisten Rüstabfälle aus der Küche sehr gerne fressen: Von Salatblättern, Rüebli-Schalen, Kürbis-Stücken und Apfelkerngehäusen können unsere Kühe nicht genug bekommen.

Natürlich handelt es sich dabei immer nur ein eine kleine Menge pro Kuh. Ich kann mir also gut vorstellen, dass sie auch gerne mehr davon nehmen würden, aber das Angebot ist natürlich sehr begrenzt.

Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Tiere mit saftigen Salatblättern vom Schaben am trockenen Holz abhalten kann. Die Lösung wäre also, Alternativen anzubieten. Mit den zwei Stammabschnitten im Laufhof haben wir das getan. Im Sommer wurden diese gut benagt, haben aber unterdessen an Attraktivität für die Tiere verloren.

Ist das einfach ein Gewöhnungseffekt? Wieso aber benagen sie dann die Stalleinrichtung, die ja auch immer dieselbe ist?

Von anderen Landwirten weiss ich, dass sie im Winter zum Teil Tannen verfüttern, die die Tiere dann benagen können. Das werde ich nun auch einige Male ausprobieren und dann werden wir ja sehen, ob das Benagen des Stalles nachlässt.

Nach dem probeweisen Vorlegen einer jungen Rottanne zeigt sich, dass unser Vieh durchaus Interesse an dieser doch recht “stüpfigen” Pflanze zeigt. Ganze Triebe werden in den Mund genommen und genüsslich zerkaut. Das erstaunt mich, würdigen die Tiere Rottannen im Sommer doch keines Blickes. Die Verbuschung und Verwaldung wäre auf Alpweiden nicht so ein Problem, wenn Kühe junge Rottannen fressen würden!

Wahrscheinlich wissen sie vor lauter Langeweile mit Heu und Silage etwas anderes einfach zu schätzen. Allerdings darf ich mir hier nichts vormachen. Wahre Begeisterung sieht anders aus. Von allen experimentellen Futtermitteln, die ich angeboten habe, stossen die Rottannen sicher auf das geringste Interesse.

Und doch… alle erreichbaren Äste bis Fingerdicke sind an der Tanne abgekaut. Und da im Auslauf kein Tannenkries herumliegt, kann man davon ausgehen, dass das Vieh diese tatsächlich gefressen hat. Von den Kälbern bis zu den alten Kühen habe ich bereits alle Gruppenmitglieder an den Tannen beobachtet.

Das grössere Problem ist allerdings immer noch, wie man Rottannen am besten vorlegen soll. Am unkompliziertesten wäre es, die Tanne direkt im Auslauf zu platzieren. Das würde die folgenden Vorteile bieten:

– Keine Platzkonkurrenz mit Futtervorlage

– Kein Rein- und Raus-Räumen aus dem Futtertenn

Das habe ich ausprobiert. Allerdings musste ich die Tanne nach kürzester Zeit wieder entfernen. Einige Tiere wollten von der Tanne fressen. Einige andere (der grösste Teil der Gruppe) wollten sie lieber auf die Hörner nehmen. Mit gesenktem Kopf unter den Baum fahren, diesen hochheben, mit ruckartigen Bewegungen herumschleudern und dabei mit aller Kraft mit den Hinterbeinen nachstossen; all diese Verhaltensweisen zeigen eindrücklich die Kraft und Energie die in unseren normalerweise so behäbigen Nutztieren steckt.

Das Problem dabei ist natürlich die Stalleinrichtung. Damit die Tanne nicht innert kürzester Zeit voll mit Mist beschmiert ist, habe ich sie mit einer alten Kälberkette an den Auslaufpanelen befestigt. Diese Auslaufpanelen wiederum möchte ich lieber nicht auf die Probe stellen, wenn mehrere Tiere so massiv daran herumdrücken.

Zudem bringt das laute Geräusch der ratternden Panels auch extreme Unruhe in die Herde.

Momentan scheint es also praktikabler, nur einzelne Äste am Fressgitter vorzulegen. Dabei ist der Arbeitsaufwand höher und man kann erst noch weniger Äste vorlegen.

Ich bin darum weiterhin sehr interessiert daran, andere Lösungen zu finden. Eventuell wäre eine massive Rundraufe eine Lösung. Diese sind allerdings definitiv zu teuer, um sie extra für das Laubfutter zu kaufen. Ein weiterer spannender Vorschlag kam aus der terrABC-Redaktion: Wie wäre es, die Tannen irgendwie aufzuhängen? Wie das genau funktionieren könnte, muss ich mir noch überlegen, aber zumindest das Problem der Verschmutzung wäre damit sicher gelöst…

Auch die Möglichkeit, die Tannen ausserhalb des Auslaufs liegen zu lassen, besteht. Dies hat den Vorteil, dass der Arbeitsaufwand gering bleibt. Allerdings kommen die Tiere so auch nur begrenzt an die Äste heran. Zur Beschäftigung ist dies allerdings vielleicht gar nicht unbedingt schlecht. Schliesslich ist das Gras auf der anderen Zaunseite immer grüner… Die These, dass unser Vieh auch am Stamm nagen würde, lässt sich so aber nicht testen.

 

Solange die Tanne sich ausserhalb des Auslaufs befindet, nagt der Zuchtstier possierlich daran herum. Ist sie aber innerhalb des Auslaufs, hängt er gerne den Wilden heraus.

 

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