Doppelnutzung Kirschbäume: Früchte und Futterlaub
Im Juli habe ich folgendes geschrieben:
“Zurzeit ist Kirschenernte – und jedes Jahr aufs Neue frustriert es mich, wie schnell sich die Kirschessigfliege ausbreitet. Die Ernte an grossen Hochstammobstbäumen ist oft aufwendig, gefährlich und nicht immer effizient. Dass sich Niederstammobst zunehmend durchgesetzt hat, verstehe ich absolut!”
Auf unserem Betrieb stehen jedoch immer noch einige grosse und alte Kirschbäume. Einige davon sind so stattlich und tragen selten viel, dass man sie eher als Landschaftsbäume einstufen kann. Diese Bäume bereichern das Landschaftsbild, spenden Schatten und fördern die Biodiversität. Haben sie einmal Früchte, werden diese meistens sehr schnell von Vögeln gefressen. Aus Sicherheitsgründen werden diese grossen Bäume zudem nicht geschnitten.
Daneben gibt es aber auch andere Bäume, die auch bis zehn Meter hoch sind und viele Kirschen tragen. Aufgrund ihrer Grösse ist eine schnelle Ernte kaum möglich – schliesslich sind wir kein reiner Obstbaubetrieb und in der Erntezeit meist mit dem Heuen beschäftigt. Dadurch vermehrt sich die Kirschessigfliege in diesen Bäumen stark und breitet sich von dort auch auf die kleineren, schneller beerntbaren Bäume aus.
Unterdessen kam mir die Idee: Warum versuche ich nicht in den kommenden Jahren, diese Bäume durch regelmässigen Schnitt kleiner zu halten? Die Meisten wurden von meinen Grosseltern zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren gepflanzt und danach kaum geschnitten– das Potenzial ist also definitiv vorhanden. Ob ich das aber wirklich umsetzen kann, bleibt die grosse Frage.
Mein Plan ist es, jedes Jahr bei der Ernte die älteren Fruchtäste – also solche, die drei bis fünf Jahre alt sind – abzuschneiden. Das hätte meiner Meinung nach mehrere Vorteile:
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Die Kirschen könnten am Boden von den Ästen abgestreift werden. Dadurch können auch nicht schwindelfreie Leute helfen.
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Der Sommerschnitt fördert eine bessere Wundheilung der Bäume als ein Schnitt im Winter.
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Durch den Sommerschnitt fällt Laubholz an, das als Futter genutzt werden könnte.
- Der regelmässige Schnitt sollte die Baumgesundheit positiv beeinflussen.
Ich würde also folgendermassen vorgehen: Im ersten Jahr mit einem Winterschnitt die Bäume recht stark zurücknehmen. Das hat zwar den Nachteil, dass die Wundheilung weniger gut ist, ich möchte aber lieber Winterschnitt machen, weil ich im Winter mehr Zeit habe für so drastische Massnahmen, die viel Arbeit geben werden. Zudem hat der Winterschnitt gerade bei schon etwas vergreisten Bäumen den Vorteil, eine stärkere Wuchsreaktion auszulösen. Davon erhoffe ich mir viele starke Neuaustriebe aus dem alten Holz. Ab dem darauffolgenden Jahr werde ich auf Sommerschnitt umstellen. Dabei lassen sich die jungen Triebe ausdünnen und als Futter verwenden. In den folgenden Jahren immer kontinuierlich schneiden, sodass auch auf den unteren Ästen immer noch junge Triebe wachsen.

Übersicht über die Kirschbäume. Die unterschiedlichen Grössen und Gesundheitszustände sind gut sichtbar. Der geschnittene Basler Langstieler sah vor dem Schnitt ähnlich aus wie der ungeschnittene Kollege.
Wieso dieser starke Fokus auf die jungen Triebe?
Es hat sich gezeigt, dass die Triebe, die stark wachsen, meist viel das gesündere Laub haben, als die alten, vergreisten Triebe. Meist befindet sich bei Kirschbäumen diese gesunde Wachstumszone sehr weit oben, wo nur die Mutigsten (oder Dümmsten) sich noch auf die Leiter trauen. Mit starkem Schnitt an allen Ästen möchte ich versuchen, diese Wachstumszone wieder näher zum Boden zu bringen. Durchaus denkbar, dass ich dabei (kontra-intuitiv) auch einige der untersten Äste entferne.
Da beim Sommerschnitt viel Laubholz anfällt, liesse sich das theoretisch ideal mit einer Futterlaub-Nutzung verbinden.
Zum Thema Kirschlaub als Futter gibt es leider kaum Angaben. In den Kursunterlagen von Michael Machatschek wird die Kirsche in Bezug auf ihre Futterwerte eher im hinteren Bereich der Futtergehölze eingestuft. Auch zu den Mineralstoffen liegen kaum Daten vor. Was mir aber noch mehr Sorgen bereitet, ist der mögliche Gehalt an Blausäure in den Blättern. In vielen Internetquellen wird zudem oft nicht klar zwischen den verschiedenen Prunus-Arten unterschieden.
Zur Verfütterung von Kirschlaub habe ich von Dr. Michael Machatschek folgende Aussage gefunden:
Zur Entwurmung der Nutztiere wurde das im Spätsommer geschnittene grüne Laub von Walnuss (Juglans regia), Trauben- und Vogel-Kirsche (Prunus padus, P.avium), Vogelbeere (Sorbus aucuparia), Steinweichsel (Prunus mahaleb) wie auch die blätterten Schnitttriebe der Kulturkirsche und Marille (Aprikose, Anm. d. Red.) getrocknet oder im Herbst geerntetes Falllaub eingesetzt.1
Kirschenlaub wurde also in erster Linie zur (Selbst)Medizinierung der Tiere eingesetzt.
Dennoch kenne ich mindestens einen anderen Landwirt, der regelmässig Kirschäste für seine Milchkühe abschneidet und bisher keine negativen Erfahrungen gemacht hat. Das ermutigt mich, mit Kirschlaub als Futter zu experimentieren. Die wenigen Triebe, die ich unserem Vieh bis jetzt gegeben habe, haben sie sehr gerne gefressen. Das bedeutet allerdings nicht viel; die Experimente der letzten Zeit haben gezeigt, dass unser Vieh alles Laubfutter gerne frisst.
Wenn jemand Erfahrungen mit einem solchen Schnittsystem oder dem Verfüttern von Kirschlaub in grösseren Mengen hat, wäre ich sehr interessiert an einem Erfahrungsaustausch!

Dieser Baum ist rund 50 Jahre alt und wurde in den letzten 10 Jahren etwa 2mal geschnitten. Gut erkennbar die gesunden Triebe oben in der Krone.
1 Machatschek, M. (2022). Schneitelfutter-, Laubheu- und Falllaubwirtschaft – verloren gehende Bewirtschaftungsformen im Alpenraum. Der Schlern: Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde, 96(9), 4–39.
Laura Gisler, 2025






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