Ein Schritt vor und zwei zurück

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Es regnet und schneit

In den vergangenen Jahren war ich im Frühling in jeder freien Minute im Garten. Bei guter Zeiteinteilung bleiben neben Berufs- und Familienleben noch immer viele freie Stunden für den Garten übrig.

In diesem Jahr hat es in den vergangenen 4 Wochen an meinen freien Abenden oder Wochenenden geregnet oder geschneit und es war kalt. Nichts von all den geplanten Aufgaben habe ich in Angriff genommen. Seit die Platten für die Gartenwege verlegt wurden, ist im Garten genau gar nichts mehr passiert.

Der Berg an anstehenden Tätigkeit im neuen Garten wird immer grösser, meine innere To-do-Liste wird immer länger. Doch den Rahmenbedingungen, die das Wetter oder die Natur vorgeben, hat sich noch jede Gärtnerin beugen müssen, gute Planung hin oder her.

Aus lauter Wetter- und Kältefrust habe ich meinen Garten seit März nicht mehr besucht. Denn eines war klar: Auch wenn es kalt und unwirtlich ist, die Wildkräuter – von manchen auch Unkräuter genannt – wachsen immer. Je länger ich mit dem Gartenbesuch wartete, umso mehr hatte ich Angst davor, was ich zu sehen bekommen würde.

Wilder Naturgarten – mit Betonung auf “wild”

Heute bin ich dann doch hingegangen. Es war gar nicht so schlimm, wie angenommen. Klar war alles zugewachsen mit Gras, Winde, Löwenzahn, Giersch und Hahnenfuss. Doch ich hatte es mir schlimmer vorgestellt was wieder mal beweist: Die negative Vorstellung – die inneren Bilder – sind meist schlimmer als die Realität (Hermann Scherer).

Trotz und Widerstand

Wenn ich ganz ehrlich bin: Das schlechte Wetter war eine sehr gute Entschuldigung, nicht im Garten arbeiten zu können. Noch ehrlicher wäre es, zu sagen: Nicht arbeiten zu müssen.

Grund: Innere Widerstände haben sich in mir breit gemacht. Ich habe vollkommen unterschätzt, welche inneren Prozesse parallel zu den äusseren, sichtbaren Arbeitsschritten laufen.

Die äusseren Prozesse sind recht einfach handzuhaben, denn es gibt – trotz körperlich anstrengender Arbeit – sichtbare Ergebnisse, für die es Anerkennung von den Gartennachbarn gibt. Daneben gibt es überraschend viele Personen, die beim Aufbau des Gartens helfen wollen, da sie neben dem Kontakt mit der Erde und der Natur ebenfalls das Gefühl lieben, etwas geschaffen zu haben. Zudem sind alle Arbeitsschritte logisch aufeinander aufgebaut, planbar und gut einteilbar.

Nur wohin mit meinen inneren Prozessen? In mir hat sich grosser Trotz angesammelt, da ich ja gar keinen neuen Garten anlegen WILL, sondern einen neuen Garten aufbauen MUSS. Wir haben ja einen wunderschönen und perfekten wilden Naturkräutergarten, was kann ich denn dafür, dass dieses Paradies einer Gefängnisvergrösserung weichen muss?

Die unbändige Gestaltungsfreude, die überquellende Begeisterung und Kreativität gepaart mit einer nicht enden wollenden Ausdauer – alles als Motor beim Aufbau des ersten Gartens vorhanden – wollen sich nun beim Anlegen des zweiten Gartens so gar nicht einstellen, nicht mal in abgeschwächter Form.

Schon als Kind konnte ich schlecht damit umgehen, wenn ich mich zu etwas “gezwungen” fühlte. Einen Monat lang habe ich nun hingebungsvoll meinen Trotz gewähren lassen, nun wird es Zeit wieder die Erwachsene zu sein, schliesslich stehen mir heute andere Kompensationsstrategien zur Verfügung, als der kleinen Fünfjährigen.

Eigentlich sympathisch: Die kleinen Wildkräuter scheren sich nicht darum, wo ich mir gepflegte Wege und damit Ordnung wünsche.

Räuchern hilft immer

Ich mache mir eine Räuchermischung speziell um Mutter Erde zu danken und um eine neue Freundschaft aufzubauen mit dem zugewachsenen Stück Acker, der unser neuer Garten werden soll.

Zudem wirken Grundstücksräucherungen immer segnend – der Erde, den Tieren und den Pflanzen wird Wertschätzung entgegengebracht. Denn mit achtsamen Ritualen wird zum Ausdruck gebracht, dass ein schöner Garten und das Pflanzenwachstum keine Selbstverständlichkeit, sondern Geschenke sind.

Räuchern bringt nicht nur Segen – der Rauch nimmt alles Alte mit, damit das Neue Platz hat.

Der angenehme Nebeneffekt beim Räuchern: Auch wenn der Garten geräuchert werden soll, es geht ja gar nicht anders, als dass ich selbst mit abgeräuchert werde. Minute für Minute spüre ich, dass die inneren Widerstände weicher werden und der Trotz sich in ein inneres Lächeln verwandelt.

Jetzt bin ich bereit, die Gartenarbeit kann starten, Sonne und Wärme ihr seid herzlich willkommen!

Winterthur, 07.05.2017, Sonja Maria Kamper

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Wer noch Bitterstoffe braucht, ich hätte ausreichend Löwenzahn zu verschenken.