Ist die Kuh ein Klimakiller?

Es stimmt: Kühe, Ziegen und Schafe rülpsen und furzen während des Verdauungsprozesses grosse Mengen an Methan (CH4), einem Klimagas, das etwa 30-mal schädlicher ist als Kohlendioxid, das aber schneller abgebaut wird als CO2. Es gibt Stimmen, die deshalb auf einen Verzicht von Weidetieren drängen, um das Klima zu schonen. Doch so einfach ist das nicht. Weidetiere schaden dem Klima nicht nur, sie nützen ihm auch, vor allem in Bergregionen. Das zeigt Anet Spengler Neff in einer Übersichtsarbeit.

Zwei Drittel der Schweizer sowie der weltweiten Landwirtschaftsfläche ist Grasland. Wir Menschen können kein Gras essen, wir können es nicht verdauen. Es braucht Weidetiere, um Gras in wertvolle Proteine, also in Milch oder Fleisch zu verwandeln. Ausserdem tragen Weidetiere auch viel dazu bei, Kohlenstoff im Boden zu speichern. Grasland ist nach den Ozeanen und zusammen mit den Wäldern und Mooren der wichtigste Kohlenstoffspeicher der Erde; Grasland speichert im Boden oft noch mehr Kohlenstoff als Wälder. Das Gras wächst, nimmt aus der Luft dank Photosynthese Kohlendioxid auf und fixiert den Kohlenstoff in den Blättern und Wurzeln. Diese gelangen in den Boden und bilden Humus. “Das ist eine Menge von einer bis zu sechs Tonnen Kohlenstoff pro Hektare und Jahr”, schreibt Anet Spengler Neff. Gras wächst gut, wenn es beweidet wird; es braucht das Gefressenwerden durch Weidetiere. Mit deren Kot und deren Tritt wächst es besser, und wenn es besser wächst, gibt es mehr Humus und speichert mehr Kohlenstoff.

Würden die Berggebiete nicht mehr mit Tieren bestossen, so käme nicht einfach Wald auf. Die meisten Gebiete würden von Grünerlen überwuchert, zum Beispiel die Bergflanken des Urserentals. Grünerlen wachsen rasend schnell, holen Stickstoff aus der Luft und produzieren Lachgas (N2O), das fürs Klima 300-mal schädlicher ist als Kohlendioxid. Nur Ziegen und Engadinerschafe können die Grünerlen zurückdrängen.

Der Mist von Kühen, Schafen und Ziegen ist ausserdem wertvoller Dünger für eine ökologische Landwirtschaft. Er ist faserig, speichert Wasser und bietet mit seiner grossen Oberfläche Milliarden von Kleinstlebewesen einen Lebensraum. Der Mist bildet die Voraussetzung dafür, dass sich ein fruchtbarer Humus und somit ein Kohlenstoffspeicher bilden kann. Kunstdünger hingegen versickert sofort im Boden und trägt zur Bodenerosion und zum Kohlendioxidverlust aus dem Boden bei.

Die prächtige Artenvielfalt in Berggebieten ist zu einem grossen Teil tier-, besser weidetiergemacht. Das ist das Resultat eines grossangelegten Forschungsprojekts mit vierzig beteiligten Ländern, das zeigte: Beweidetes Grasland ist artenreicher als unbeweidetes.

Fazit: Natürlich müssen wir weniger Fleisch essen, natürlich gibt es zu viele Kühe, vor allem im Flachland, natürlich dürfen Kühe nicht mit aus Argentinien oder Brasilien importiertem Kraftfutter gefüttert werden, das aus gerodeten Regenwäldern stammt, über den Ozean transportiert wird und eine miserable Klima- und Energiebilanz aufweist. Doch die Klimadiskussion nur auf den Ausstoss von Methan zu reduzieren greift zu kurz. Es geht um das ganze System, um die vielfältigsten, einander beeinflussenden Beziehungsgeflechte. Wir müssen endlich aufhören, alles isoliert zu betrachten. Das gilt auch für Weidetiere. Ein Weidetier stösst Methan aus, speichert Kohlenstoff im Boden, bereichert die Artenvielfalt, verhindert die Ausbreitung von Grünerlen und somit die Entstehung von Lachgas und gibt uns Nahrung.

Die Alternative ist also eine Landwirtschaft, in der Weidetiere ein gutes Leben haben und mit Gras und Heu und allenfalls auf dem Hof produziertem Futter ernährt werden. So sind sie Teil eines perfekten Kreislaufs: Sie fressen Gras und Heu, was wir Menschen nicht können. Daraus produzieren sie Milch und Fleisch und düngen die Weide, die viel Kohlenstoff im Boden fixiert und die sie nächstes Jahr wieder ernährt – wenn der Kreislauf von vorn beginnt.

Florianne Köchlin, 2021

Auszug aus dem Buch ‘Von Böden die klingen und Pflanzen die tanzen’ von Florianne Koechlin

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