Höhentauglich – Interview mit Laura Gisler

Wir freuen uns, Laura Gisler im Team von terrABC.org begrüssen zu dürfen. Um die gelernte Landwirtin EFZ, Betriebsleiterin Landwirtschaft mit eidg. Fachausweis und angehende Umweltingenieurin etwas besser kennenzulernen, haben wir Laura ein paar Fragen gestellt:

Wie verbringst du deine Freizeit?
Ich lese sehr gerne, sowohl alle möglichen Romane als auch Fachliteratur. In den letzten Jahren habe ich viel Zeit damit verbracht, höhentaugliche Obstsorten zu recherchieren, Edelreiser zu bestellen und die Bäume dann selbst zu veredeln. Diese Bäumchen befinden sich momentan noch in der Anzucht und ich bin sehr gespannt, wie sie sich entwickeln. Zudem habe ich ein Projekt für höhentaugliche Freiland-Chilis begonnen. Momentan befinde ich mich noch in der Selektionsphase. Das funktioniert ganz einfach: Ich probiere viele verschiedene Sorten. Ich ziehe die Jungpflanzen selbst an und pflanze sie dann bei meinen Eltern in den Garten. Von jenen Pflanzen, die diese Behandlung überleben, nehme ich Samen, mit denen ich das nächste Jahr weiterarbeite. Momentan befinde ich mich im dritten Jahr und ich hoffe, dass ich diesen Sommer Zeit finde, die besten Pflanzen untereinander zu kreuzen.

Auch Tiere hat Laura natürlich sehr gern, auf diesem Bild mit Bibeli der Rasse Schwedisches Blumenhuhn

Wie würdest du deine Persönlichkeit in drei Worten beschreiben, und wie denkst du, dass dies deine Arbeit beeinflusst?
Wissbegierig, optimistisch, emotional. Wenn mich ein Thema interessiert, knie ich mich rein und recherchiere obsessiv. Darum arbeite ich gern an einem Bereich, schliesse ihn ab und wende mich dann etwas Neuem zu. Das heisst nicht, dass ich mich nicht verzettle, oder nicht an mehreren Sachen gleichzeitig arbeite. Aber meistens ist klar, was das Hauptprojekt der Stunde ist. Dank meiner optimistischen Seite glaube ich, dass sich für jedes Problem eine Lösung finden lässt. Das Emotionale zeigt sich dadurch, dass ich mich am meisten für Themen interessiere, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe. Manchmal muss ich mich ermahnen, einen Schritt zurück zu treten, um das Ganze etwas objektiver zu betrachten.

Was machst du generell überhaupt nicht gerne?
Ob im Haushalt oder in der Landwirtschaft: Aufräumen zählt nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

In den letzten Jahren habe ich viel Zeit damit verbracht, höhentaugliche Obstsorten zu recherchieren, Edelreiser zu bestellen und die Bäume dann selbst zu veredeln.

Laura Gisler

Du bist auf einem Bergbauernbetrieb aufgewachsen und planst, in einigen Jahren den Betrieb von deinen Eltern zu übernehmen. Was motiviert dich, den Betrieb trotz schwierigen Rahmenbedingungen weiterzuführen?
Liebe zum Beruf und Liebe für das Land, auf dem ich aufgewachsen bin. Je älter ich werde, desto stärker merke ich, dass ich eine Beschäftigung ausüben möchte, in der ich sowohl intellektuell als auch körperlich gefordert werde. Gleichzeitig will ich einer Tätigkeit nachgehen, die ich als sinnvoll und erfüllend empfinde. Die Landwirtschaft erfüllt für mich alle diese Kriterien. Man könnte also sagen, ich bin eine Idealistin.

Du hast die Ausbildung zur Landwirtin und zur Betriebsleiterin sehr erfolgreich absolviert. Was hat dich motiviert, das Umweltingenieurstudium mit Vertiefung biologischer Landwirtschaft und Hortikultur zu starten?
Es ist zwar ein Klischee, aber halt wirklich auch wahr: Man hat nie ausgelernt. Gerade in einem so breit gefächerten Bereich wie der Landwirtschaft gibt es immer Aspekte, von denen man noch nicht einmal gehört hat. Grundsätzlich lerne ich sehr gern Neues und wenn ich dieses Studium nicht angefangen hätte, hätte ich in meiner Freizeit einfach mehr Fachbücher gelesen. Meine Ausbildung hat natürlich aber auch einen praktischen Hintergrund: Da meine Eltern relativ jung sind, kann ich den Betrieb noch nicht übernehmen und muss somit ausserhalb der Landwirtschaft Geld verdienen. Deshalb habe ich nun noch ein eher theoretisches Studium angehängt, damit ich mich auch auf Bürostellen im Bereich Landwirtschaft/ Umwelt/ Ökologie bewerben kann.

Vor allem im Sommer hilft Laura auf dem Betrieb der Eltern mit; hier beim tragen einer Wildheu-Burde hoch über dem Vierwaldstättersee.

Hat sich dein Bild der Landwirtschaft durch die ‘Brille’ der Umweltingenieurin verändert?
Ich habe in meinem Studium sehr viele Menschen kennengelernt, die sich zwar grundsätzlich für die Landwirtschaft interessieren, aber nur wenig Ahnung haben. Dazu muss man vielleicht sagen, dass mein Studium verschiedene Vertiefungen hat, von denen einige, wie z.B. ‘Erneuerbare Energien und Ökotechnologien’, sich nur am Rande, wenn überhaupt, mit der Landwirtschaft befassen. Einerseits habe ich von diesen Mitstudierenden viel darüber gelernt, wie die allgemeine Bevölkerung die Landwirtschaft wahrnimmt, und wo die grössten Wissenslücken sind. Andererseits kann man im Gespräch mit branchenfremden Personen auch viel eher einen Schritt zurück machen und ein bestimmtes Thema ganz neu betrachten.

Wie wirst du die Bäuerinnen und Bauern überzeugen, selber in die Tasten zu greifen und Erfahrungsberichte von ihren Betrieben zu schreiben?
Grundsätzlich: Ich glaube ich nicht, dass ich Leute, die überhaupt nicht gerne schreiben, davon überzeugen kann. Ich kann es aber aus eigener Erfahrung mit meiner Betriebsstudie, und jetzt auch mit dem Forschungsblock zum Obst in den Höhenlagen, nur empfehlen. Etwas aufzuschreiben, zwingt einen, ganz anders an ein Thema heranzugehen. Der leichte Druck, dass andere Leute das Geschriebene lesen werden, führt dazu, dass man Zusammenhänge viel intensiver überdenkt, schliesslich möchte man ja nichts Falsches behaupten. Dadurch entsteht ein reeller Mehrwert. Zudem können veröffentliche Beiträge zu Kontakten mit Gleichgesinnten führen, sodass auch ein sozialer Mehrwert generiert wird.

Aus meiner Perspektive wäre eine standortangepasste Produktion mit einer starken lokalen Wertschöpfungskette ein wichtiger Schritt auf dem Weg in ein eine nachhaltigere Zukunft.

Laura Gisler

Was motiviert dich, bei terrabc.org zu arbeiten?
Ich finde das Konzept super. Ich kenne die Plattform schon seit einigen Jahren und fand sie schon immer ein spannender Ort zum Stöbern. Besonders die Betriebsportraits empfand ich immer als sehr interessant. Als Mitarbeiterin schätze ich es, dass ich bei terrabc.org selbstbestimmt arbeiten kann und dass ich mich bei den Inhalten stark einbringen darf. Ich freue mich darauf, Berichte zu Themen zu erarbeiten, die für mich Neuland sind und so meinen Horizont zu erweitern. Ich freue mich darauf, Kontakte mit vielen interessanten und interessierten Personen zu knüpfen.

Welche Bedeutung hat nachhaltige und selbstbestimmte Landwirtschaft und Ernährung für dich persönlich? Welche Werte und Überzeugungen treiben dich in deiner Arbeit in diesem Bereich an?
Aus meiner Perspektive wäre eine standortangepasste Produktion mit einer starken lokalen Wertschöpfungskette ein wichtiger Schritt auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft. Durch die starke Zentralisierung der letzten Jahrzehnte sind viele wertvolle Strukturen verloren gegangen. Es ist unrealistisch, zu erwarten, dass die Landwirtschaft diese alleine wieder neu aufbaut. Nicht jeder Betrieb hat die Kapazität, die Fähigkeiten oder den Standort, seine Erzeugnisse direkt zu vermarkten. Deshalb braucht es auch in den nachgelagerten Branchen innovative, idealistische Menschen, die bereit sind, solche Strukturen neu aufzubauen. Und es braucht Konsumentinnen, die bereit sind, dem Dorfladen eine Chance zu geben.

Obstbäume sind für Laura Gisler zugleich Hobby und Leidenschaft. Darum hilft sie auch jeden Winter auf ihrem ehemaligen Lehrbetrieb beim Baumschnitt.

Welche Ziele und Erwartungen hast du für deine Arbeit bei terrabc.org?
Da unser Team sehr klein ist, freue ich mich auf eine familiäre Atmosphäre mit Diskussionen auf Augenhöhe. Mein Ziel ist, in der Einarbeitungszeit die bestehenden Strukturen kennen zu lernen und eine Übersicht über alle Tätigkeitsbereiche zu erhalten. Ich beabsichtige, mich kreativ einzubringen, und Verantwortung zu übernehmen. Ich sehe viel Potenzial in diesem Projekt und freue mich darauf, einen Beitrag zu leisten.

Welche Herausforderungen siehst du im Bereich nachhaltiger und selbstbestimmter Landwirtschaft und Ernährung und wie planst du, damit umzugehen?
Oft habe ich das Gefühl, die nachhaltige Landwirtschaft, beispielsweise die regenerative Szene ist zwar aktiv, als aussenstehende Person ist es aber schwierig, handfeste Erfahrungen damit zu machen. Häufig wirkt alles irgendwie verzettelt und es gibt x Verbände und Vereine, die sich alle einem ähnlichen Thema widmen. Für Landwirte, die zwar interessiert wären, aber nicht so recht wissen, wie, ist dies eine grosse Herausforderung. Um diese Landwirte zu erreichen, ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, den Kontakt mit den traditionellen landwirtschaftlichen Medien zu suchen. Ein Bericht im Schweizer Bauer oder der UFA-Revue hat eine Reichweite, von der ein kleiner, regenerativer Blog nur träumen kann.

Wie siehst du die Zukunft der nachhaltigen und selbstbestimmten Landwirtschaft und Ernährung? Gibt es Trends oder Innovationen, auf die du besonders gespannt bist?
Ich bin sehr gespannt, was im Bereich der Pflanzenzüchtung und der neuen Kulturen alles passieren wird. Landwirte und Landwirtinnen probieren neue Kulturen aus, die in der Schweiz noch nie zuvor gepflanzt wurden oder sie besinnen sich auf alte, fast vergessene Nutzpflanzen zurück. Ich verspreche mir mehr Resilienz von dieser erhöhten Vielfalt. Auch neue Anbausysteme wie Agroforst interessieren mich sehr und ich bin gespannt, wie die Agroforstsysteme, die heute gepflanzt werden in 20 oder 50 Jahren aussehen. Manches, das ausprobiert wird, wird sich nicht bewähren, aber ich bin überzeugt, dass auch Einiges bleiben wird. Insgesamt erhoffe ich mir von diesen Entwicklungen eine Diversifizierung, die es den Betrieben ermöglicht, ihre Kulturen und Anbausysteme noch besser an ihre Standortfaktoren anzupassen und so nachhaltiger zu produzieren.

Laura Gisler, Hubert Würsch, 2024