Seit 25 Jahren ohne Pflug unterwegs

Auf der schönen Schwäbischen Alb in Ehingen-Granheim liegt der Biohof Rapp. An seinen Blumenwiesen haben nicht nur Dietmar Rapp und seine Familie Freude. Über 60 Pflanzenarten sorgen für eine bunte Vielfalt und für Bienen und andere Insekten für paradiesisch vielseitige Nektarflächen. Alle zehn Jahre findet auf der Schwäbischen Alb eine Blumenwiesenmeisterschaft statt. 2015 hat der Biohof Rapp den 1. Preis gewonnen. Eine Dame aus der Umgebung hat daraufhin angefragt, ob Dietmar Rapp auch auf ihrem Acker eine solche Blumenwiese anlegen könnte.

Magerwiesen sind tendenziell artenreicher als fette Wiesen. „Mit dem Düngen muss man vorsichtig sein, wenn man eine vielfältige Blumenwiese haben will“, so Dietmar Rapp. Die Vielfalt steckt im Boden. Samen können sehr lange Zeit überdauern und warten nur auf die passenden Bedingungen, um in den Keimzustand übergehen zu können.

Gesundungspflanzen

Für Dietmar Rapp ist jede Pflanze eine Zeigepflanze, die durch ihr Erscheinen etwas über den Bodenzustand aussagt. Distel und Ampfer sind für ihn zum Beispiel Gesundungspflanzen. Sie treten verstärkt auf, wenn der Boden krank ist, um zu seiner Genesung beizutragen. Sie zu bekämpfen, wenn sie verstärkt auftreten, wäre etwas, womit man den Selbstheilungskräften des Bodens keinen Gefallen tut, oder sogar entgegenwirkt.

„Die Gesundungspflanzen gehen in ihrer Ausbreitung von selbst wieder zurück, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben“, so Dietmar Rapp. Die Zukunft der Landwirtschaft liegt für ihn darin, dass die Bauern die Sprache der Natur wieder besser zu verstehen lernen und es zu deuten wissen, wenn bestimmte Pflanzen verstärkt auftreten. Dann kann man auch mit nachhaltigen Methoden und ohne Chemie darauf reagieren. Wenn ein gewisses Gleichgewicht erreicht ist, kehrt die Vielfalt zurück.

Die Blumenwiesen von Dietmar Rapp zeigen mit ihren über 60 Pflanzenarten, dass ein solches Gleichgewicht auf natürliche Weise erreicht werden kann. Denn ausgesät hat er von den dort vorkommenden Pflanzenarten keine einzige. Sie haben als Samen im Boden geschlummert und sind in den Keimzustand übergegangen, als der Gleichgewichtszustand des Bodens es zugelassen hat. Die Wiese wird zweimal pro Jahr gemäht. Wer die Scheune von Dietmar Rapp betritt, dem weht ein unbeschreiblich wohltuender Duft entgegen. Das Wiesenheu ist eine Art Aromatherapie und bei den Kunden sehr beliebt.

Die Ernte dieses Jahres ist längst verkauft und erzielte einen doppelt so hohen Preis wie für gewöhnliches Heu. Es gilt als extrem gesund und scheint sich für Pferde bestens zu eignen. Sie fressen davon deutlich weniger als von gewöhnlichem Heu, ohne dass ihnen etwas zu fehlen scheint. Darüber hinaus enthält es eine solche Fülle wertvoller Heilpflanzen, dass man es auch gut als natürliches Arzneimittel für Tiere verwenden kann.

Dietmar Rapp bewirtschaftet seine Flächen seit 25 Jahren ohne Pflug. Allerdings hatte sein Vater vor mehr als 40 Jahren den Boden zeitweise auch bereits ohne Pflug bearbeitet. Die Umstellung hat sich bewährt. „2003 gab es bei uns eine Trockenheit. Die Nachbarn konnten sehen, dass meine Böden bei Trockenheit mindestens 14 Tage länger Wasser hatten. Dann haben zwei oder drei von denen auch auf pfluglos umgestellt.

Der Pflug macht den Boden kaputt“, davon ist Dietmar Rapp inzwischen überzeugt. „Er bringt die Bodenlebewesen durcheinander und zerstört die Tragfähigkeit vom Acker. Ich versuche den Boden nicht tiefer als 5 cm zu bearbeiten. Darunter liegen Regenwurmgänge, die zum Teil uralt sind und die zur Belüftung und zur Wasserdurchlässigkeit des Bodens beitragen. Das schützt vor Überschwemmung und Erosion. Die Bodenlebewesen müssen sich wohlfühlen, damit sie beim Bodenaufbau fleissig mithelfen können. Man muss sich gut um sie kümmern. 100 Regenwürmer pro qm produzieren 45 kg N pro ha. Der Sepp Braun hat 300 Regenwürmer pro qm. Wenn ich 200 Regenwürmer pro qm habe, brauche ich nicht mehr zu düngen“, sagt Dietmar Rapp.

Mein Weg zur pfluglosen Bodenbearbeitung

Wie ist er auf die pfluglose Bodenbearbeitung gekommen? „Bei mir in der Meisterschule waren welche, die sich auch damit beschäftigt haben. Mit denen habe ich mich ausgetauscht. Und dann war ich noch bei der GKB in Berlin (Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung e.V.) eine Weile dabei und dann habe ich mir das auch zugetraut. Ich habe nicht alles auf einmal umgestellt, sondern bin Schritt für Schritt vorgegangen. Das hat mir Sicherheit gegeben.“ Allerdings muss man im 3. Jahr nach der Umstellung auf pfluglose Bodenbearbeitung mit einem Hungerjahr rechnen. Der Stickstoff wird dann vom Boden für den Humusaufbau verwendet und steht für die Pflanzen nicht als Nährstoffquelle zur Verfügung. Aber wenn man das 3. Jahr übersteht, dann geht es gut.

Viele Bauern steigen leider gerade dann wieder aus, weil sie glauben, dass es jetzt keinen Ertrag mehr gäbe. Warum wissen viele Bauern oft so wenig von solchen Dingen? Dietmar Rapp sagt, die Landmaschinenhersteller wollen das nicht. Sie sind gegen pfluglose Bodenbearbeitung, wahrscheinlich weil es ihren Absatz an Landtechnik verringert. „Es gibt natürlich auch Ausnahmen, den Horsch zum Beispiel. Bei dem ist die pfluglose Bodenbearbeitung ja sein Steckenpferd.“

Dietmar Rapp hat gerade einen Birkenhain angelegt. Daraus bezieht er den Rohstoff für seine Pflanzenkohle. Die stellt er in den Abendstunden selbst her. Sein Nachbar hatte vor einigen Jahren für 20 000 EUR Pflanzenkohle gekauft und auf nur einem Acker verteilt. Die Leute hielten ihn für verrückt. „Jetzt, als es so trocken war und man an dem Acker vorbeifuhr, da war der immer grün – gigantisch. Ein Kilo Kohle kann fünf Liter Wasser speichern.“ Man merkt ihm die Begeisterung an, wenn er über Pflanzenkohle spricht. Nach und nach sollen alle Flächen mit Pflanzenkohle behandelt werden.
Dietmar Rapp bewirtschaftet 72 Hektar im Nebenerwerb und hält 600 Legehennen der alten Rasse Les Bleues.

Zweinutzungshuhn Les Bleues

Das Zweinutzungshuhn Les Bleues stammt genetisch von dem Bressehuhn ab, das wegen seiner hohen Fleischqualität in Frankreich sehr beliebt ist. Die Les Bleues sind keine Hybridhühner.

Was sind Hybridhühner? Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde damit begonnen, Hühner in zwei Richtungen zu züchten, um einerseits die Eierproduktion und andererseits die Fleischproduktion zu steigern. Man erreichte dies durch Inzucht (Hybridzucht) und erhielt so mehr Eier pro Huhn auf der einen Seite und „schneller wachsendes Fleisch“ auf der anderen Seite. Bei der Inzucht ging allerdings die Fruchtbarkeit der Hühner verloren, das heisst die Lege- und Masthybride eignen sich nicht zur Weiterzucht. Dadurch stehen die meisten Bauern heute in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Grossbrütereien, weil sie die Hybridküken kaufen müssen. Hybridhühner kommen hauptsächlich in der industriellen Landwirtschaft zum Einsatz und werden laut Wikipedia von weltweit nur vier Konzernen gezüchtet und vermarktet. Der Marktanteil von Hybridhühnern liegt zurzeit bei mehr als 95%.

Die Les Bleues sind nicht für die industrielle Landwirtschaft geeignet, aber sie konnten als alte Rasse ihre Fruchtbarkeit erhalten. Von 48 Eiern in der Brutmaschine schlüpfen bei Dietmar Rapp im Durchschnitt 38 Küken. Das ist ein sehr gutes Ergebnis. Die Les Bleues passen hervorragend in eine bäuerliche Kreislaufwirtschaft mit artgerechter Tierhaltung.

Die Hühner von Dietmar Rapp fressen fast nur, was auf den Ackerflächen des Hofes wächst. Während Hybridhühner ihr Schlachtgewicht bereits nach fünf Wochen erreichen, haben die Les Bleues ihr Schlachtgewicht erst nach 15 – 20 Wochen erreicht. Sie wachsen also langsamer und leben länger. Und die Fleisch- und Eierqualität ist hervorragend. Die Nachfrage sowohl nach Eiern als auch nach Fleisch ist hoch und steigt weiter. Dietmar Rapp will daher in Zukunft 60 – 80 Göckel auf dem eigenen Hof grossziehen. Bisher gibt er die männlichen Küken an einen anderen Betrieb zur Mast weiter. Aber die Leute aus der Umgebung wollen gern bei ihm das Fleisch kaufen.

Auf den Flächen des Biohof Rapp wachsen neben Wiesenheu auch noch Hirse, Brotgerste, Dinkel, Roggen, Weizen, Hafer, Hanf, Erbsen, Ackerbohnen und Leindotter im Mischfruchtanbau. Zur Kombination aus Hanf und Leindotter kommt noch Weissklee als Untersaat dazu.
Wie in alten Zeiten backen die Leute in Ehingen-Granheim zusammen Brot. Wenn in dem Lokalblättchen Brotbackkurse angekündigt werden, sind sie am nächsten Tag ausgebucht. Dietmar Rapp will demnächst auf seinem Hof einen Holzbackofen bauen.
Dann kann auch auf dem eigenen Hof gebacken werden – mit dem frisch gemahlenen hofeigenen Getreide. Wir wünschen Dietmar Rapp und seiner Familie weiterhin gutes Gelingen und viel Erfolg für die Zukunft.

Dieses Hofportrait ist zuerst erschienen im Magazin des Bodenfruchtbarkeitsfonds. Der Bodenfruchtbarkeitsfonds ist ein Projekt der Bio-Stiftung Schweiz mit dem Ziel, dass möglichst viel fruchtbarer Boden an nachfolgende Generationen übergeben werden kann. Mehr Infos unter: www.bodenfruchtbarkeit.bio

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Naturlandhof Rapp
Ehingen-Granheim, Baden-Württemberg
Dietmar Rapp
72 ha
Wiesenheu, Hirse, Brotgerste, Dinkel,Roggen, Weizen, Hafer, Hanf, Erbsen, Ackerbohnen und Leindotter im Mischfruchtanbau
600 Legehennen der alten Rasse Les Bleues
eigene Nachzucht
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Rapp: Die pfluglose Bearbeitung meiner Böden trägt zu einer sehr guten Wasserhaltefähigkeit bei.
Das vielfältige Wiesenheu schmeckt den Tieren sehr gut und wird teuer bezahlt.