Buchtipp: Die Lösung der Honigbiene für das Varroa-Problem

Ein praktischer Leitfaden für Imkerinnen und Imker

Steve Riley, Simon Egger (Übersetzung)

Klappentext:

Die Lösung der Honigbiene für das Varroa-Problem erklärt praxisnah, wie Imkerinnen und Imker Varroaresistenz-Verhalten in ihren Völkern identifizieren und gezielt fördern können. Die zugrunde liegenden Resistenzmechanismen, mit denen die Bienen ihre Milbenpopulationen in Schach halten, werden anhand von Forschungsergebnissen erläutert. Damit zeigt dieses Buch detailliert auf, wie die Europäische Honigbiene selbst in der Lage ist, eine der grössten Herausforderungen für ihr Überleben zu meistern.

128 Seiten, 15.5 x 22.5 cm, Softcover mit Klappen
ISBN/EAN 9783258084756
1. Auflage 2026, Erscheinungsdatum 18.05.2026
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Blick ins Buch
Interview mit dem Autor

Rezension Laura Gisler:

Dieses kleine Buch ist anschaulich geschrieben und erläutert, welche Resistenzmechanismen die Westerham Beekeepers bei ihren Bienen beobachtet haben. Gleichzeitig merke ich, dass vieles an Hintergrundwissen vorausgesetzt wird. Logisch, schliesslich richtet sich das Buch an Imker:innen. Das bin ich aber nicht, deshalb musste ich doch noch einiges nebenher recherchieren.

Die Hauptfragen, die sich mir nach dem Lesen des Buches stellen sind die folgenden:

  • Wo kommen die Resistenzen, resp. das Hygieneverhalten her? Oder anders formuliert: Hat jede Bienenpopulation das Potential, dieses Verhalten zu entwickeln?
  • Was sind die Kosten des Resistenzverhaltens? Die Ammenbienen wenden Zeit auf, um Brutzellen zu öffnen und überprüfen. Womit würden sie ihre Zeit sonst verbringen? Oder anders gefragt: Welche andere Aufgabe kommt zu kurz?
  • Weiter ist mir unklar, wie hoch die Kosten sind, befallene Puppen zu entsorgen? Immerhin wurden diese bereits umsorgt, es wurde also Arbeit investiert, die nun nicht in einer erwachsenen Arbeiterin resultiert.

Insgesamt habe ich als Laie den Eindruck, dass das Buch einige spannende Themen aufwirft. Um abschätzen zu können, was Imker:innen darüber denken, habe ich unserem Beirat und Imker Paul Walder das Buch zugeschickt.

Rezension Paul Walder:

Als im Jahr 2017 eine Gruppe britischer Imker in Begleitung von Steve Riley, einem Wissenschaftler und Autor des vorliegenden Buches, das beschriebene Projekt startete, gab es in Grossbritannien und anderswo bereits eine wachsende Anzahl Varroa resistenter Bienenvölker. Was aber fehlte, war ein Wegweiser oder eine Anleitung für Imker, wie ein solches Ziel erreicht werden kann. Es galt also, Forschungserkenntnisse zusammenzutragen und mit eigenen Beobachtungen zu kombinieren, nicht im Labor, sondern draussen bei praktizierenden Imkern. Die Methode musste praxistauglich, verständlich und anwenderfreundlich sein.

Seit den 1990er Jahren passen sich Honigbienen der Art Apis mellifera in vielen Ländern an die Varroamilbe an, insbesondere dort, wo weder Akarizide (Chemisch-synthetische Pestizide) noch organische Säuren gegen diese eingeschleppten invasiven Milben eingesetzt werden. Solche wilde oder verwilderte Bienenpopulationen findet man in verschiedenen Ländern und Kontinenten. Diese Varroa-Resistenzen wurden also ohne jeglichen menschlichen Einfluss einzig durch die Bienen erschaffen.

Die Varroamilbe ist bekanntlich ein Bienenparasit eingeschleppt aus Südost-Asien. Die dort beheimatete Bienenart Apis cerana hat gelernt, in Co-Existenz mit diesem Parasiten zu leben. Europäische Bienen können das noch nicht. Durch die imkerliche Varroabekämpfung werden sie einerseits geschützt, aber auch geschwächt und an der Bildung von Resistenzen gehindert. Während dem werden die Varroa der zunehmend Behandlungs-resistent. Obendrein überträgt der Parasit Viren, wie das Flügeldeformations-Virus, an dem das geschwächte Volk eingeht, sofern es nicht behandelt wird, ein Teufelskreis also. Diesen zu durchbrechen und den Bienen die Chance zu geben, eigenes Resistenzverhalten zu entwickeln braucht seitens der Imker Mut, eine ausgeprägte Beobachtungsgabe und grosses biologisches Wissen.

Anstelle der Milbenbekämpfung ist die besagte Imkergruppe dazu übergegangen, den Milben-Totfall monatlich auszuzählen und die Varroa-Unterlage, ein Gitter-geschütztes Einschubbrett, nach ausgeräumten Puppenteilen zu untersuchen. Ziel war, aufgrund der erhobenen Resultate das Resistenzverhalten der untersuchten Völker zu verstehen, die Völker zu klassifizieren und zur gezielten Zucht zu selektionieren.

Ein Kapitel dient dem besseren Verständnis, wie sich die Varroamilbe fortpflanzt und entwickelt. Dazu werden mehrere biologische Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien zitiert. Zahlreiche Grafiken und Bilder verdeutlichen die Forschungsresultate.

In den folgenden Kapiteln werden Beobachtungen beschrieben, die bei behandelten Völkern kaum vorkommen, insbesondere die Fähigkeit von Ammenbienen, jene verdeckelten Brutzellen aufzuspüren, wo sich Muttermilben verstecken, diese Zellen auszuräumen und wieder zu verschliessen. Bienen eigenes Resistenzverhalten galt es zu finden, zu beobachten, weiterzuverfolgen und auf weitere Völker zu verbreiten, nicht in einer Forschungsanstalt, sondern praxisnah von Imkern. Dabei entwickelte die Gruppe eine Methode vorwiegend auf der Basis von Monitoring, also regelmässig wiederholten Beobachtungen von aussen, auf dem Einschubbrett auf der Varroaunterlage, ohne die Völker zu stören. Ab dem dritten Jahr ohne Behandlung in Folge erhärtete sich die Annahme, dass die Völker ein eigenes Resistenzverhalten entwickelt hätten, ohne jegliche Behandlung und ohne bio-technische Verfahren, wie künstliche Brutunterbrechung und Drohnenschnitt. Die Anzahl eingegangener Völker in der Gruppe war kleiner als im landesweiten Durchschnitt der behandelten Völker.

Im Vergleich mit anderen bekannten Resistenzmerkmalen, wie gegenseitigem Hygieneverhalten (Grooming) oder der Bienenhaltung auf Kleinzellen hat sich dieses bieneneigene Resistenzverhalten am besten durchgesetzt. Es beeinflusst die Entwicklung der Milbenpopulation im Volk sowie die Belastung von Viren auch in Phasen, wo sich die Milben hauptsächlich in der Brut aufhalten und nicht auf den erwachsenen Bienen aufsitzen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Bienen eigene Resistenzbildung wohl die nachhaltigste Antwort auf die Varroose ist und alle von Menschen ausgeheckten Strategien nur kurzfristigen Erfolg haben und sich störend auf die Bienen eigene Anpassung auswirken.

Eindrücklich und wegweisend am beschriebenen Projekt ist die Zusammenarbeit einer kleinen Gruppe Imker mit einem Wissenschaftler in einer Feldstudie, zugeschnitten auf deren ethisch vorbildhafte Wertehaltung gegenüber Bienen.

Das Buch berichtet nicht nur über das erfolgreiche Projekt, es ist gleichzeitig Lehrbuch und Anleitung für potenzielle Nachahmer zugleich. Anstelle über genetischen Anlagen bei Völkern mit Ansätzen von Resistenzverhalten zu sprechen und deren Weiterverbreitung über Züchtung, zu verfolgen. stellt sich die Frage, ob hier nicht eher Erkenntnisse aus der Epigenetik am Platz wären.

Die ethische Grundhaltung und die Wertvorstellung des Autors und seiner Imkergruppe sind vorbildhaft. Was nicht beantwortet wird, ist die Frage nach der wesensgemässen Aufgabe von Bienen und Parasiten in der Grossökologie. Bienen sind für die Bestäubung zuständig und nicht für die Produktion von Wachs und Honig für den Menschen. Parasiten halten die Populationsdichte im Einklang mit dem Trachtangebot. Der Mensch hätte so gesehen zwei Aufgaben parallel zu erfüllen, einerseits die Entwicklung und Verbreitung resistenter Völker voranzutreiben und darüber hinaus, Trachtangebot und Biodiversität zu erhöhen, wenn er korrigierend eingreifen will.

Hat die europäische Biene nach vierzig Jahren Wege für ein Zusammenleben mit der Milbe gefunden, warten bereits die nächsten bedrohlichen Herausforderungen vor dem Flugloch. Demnach ist noch einiges nicht im grünen Bereich, also keinen Grund, sich auszuruhen.


Laura Gisler und Paul Walder, 2026

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