Heu-Kartoffeln

Kartoffelstauden am Tag vor der Ernte
Auf meinem Heimbetrieb wurden früher jedes Jahr Kartoffeln für den Eigenbedarf angebaut. In den letzten Jahren aber immer weniger, denn wollen wir in Hanglagen wirklich pflügen, eggen, Dämme in der Falllinie anlegen und dann bei der Ernte die Erde komplett durchwühlen?
Trotzdem möchten wir gerne eigene Kartoffeln haben. Auf YouTube sind wir auf Videos einiger Gärtner gestossen, die ihre Kartoffeln im Heumulch-Verfahren anbauen. Daraus wurde die Idee geboren, zu sehen, ob das auch im etwas grösseren Rahmen und auf Grünland, statt in einem bestehenden Garten funktionieren könnte.
Intensive Internetrecherchen folgten. Trotzdem haben wir nirgends ein Verfahren gefunden, das eins zu eins für uns passt. Deshalb haben wir aus dem Gelesenen unser eigenes Verfahren zusammengestellt.
In diesem Forschungsblock möchten wir die Entwicklung der Versuchsparzelle über die Saison dokumentieren.
Vorbereitung Pflanzbeet: 10.03.2026
Am 10. März haben wir zwei Ladewagen voll Magerheu/Streue ausgebracht, das entspricht einer Menge von etwa 20 m3. Nach dem Verteilen mit der Gabel lag das Heu etwa 50 cm dick. Wir gehen davon aus, dass das Heu bis zur Pflanzung sich bis auf etwa die Hälfte der Dicke ablagern wird. Um dem Heu etwas Stickstoff zuzuführen und den Kompostierungsprozess in Gang zu bringen, wurde noch am gleichen Tag Gülle auf das Heu ausgebracht. Dass das Heu dadurch befeuchtet wurde, führt hoffentlich dazu, dass es auch weniger vom Wind weggetragen wird.
Nun soll das Heu etwa zwei Monate ruhen, bis zum Legen der Saatkartoffeln. Wenn alles so läuft, wie wir uns das erhoffen, unterdrückt das Heu die Grasnarbe und macht den Boden darunter mürbe, sodass wir die Pflanzkartoffeln einfach auf den Boden legen können. Wir sind gespannt! Eine Gefahr sehen wir darin, dass Mäuse sich unter dem Heu wohlfühlen, stark vermehren und später alle Kartoffeln fressen.
Es zeigt sich, dass sich das Heu durch Niederschlag (ob Schnee oder Regen) sehr gut absetzt. Am 25. März haben wir die Fläche deshalb noch mehr als verdoppelt. Insgesamt haben wir fünf Ladewagen voll Magerheu auf insgesamt 240 m2 ausgebracht. Nun geht es darum, die Saatkartoffeln vorzukeimen…
Setzen der Kartoffeln
Am 30. April und 1. Mai war es so weit: Unsere Kartoffeln waren weit genug vorgekeimt, sodass mein Vater beschloss, mit dem Setzen zu beginnen. Nun stellten sich uns viele Fragen: Wie genau pflanzt man Kartoffeln in Mulch? Welche Methode würde am besten funktionieren? Und wie sah es mit dem Mäusedruck auf der Fläche aus?
Nach kurzem Herumprobieren haben wir uns auf das folgende Vorgehen geeinigt:
- eine Person bohrt mit einem Heb- oder Locheisen ein Loch durch die Mulchschicht in den Boden darunter
- eine zweite Person legt die Pflanzkartoffeln in das Loch hinein und zieht den Mulch wieder locker zusammen. Dabei hat es sich automatisch ergeben, dass wir auch eine Art Furchen aus dem Mulch bilden.
So wollen wir sicherstellen, dass die Pflanzkartoffeln auch guten Bodenkontakt haben und nicht etwa wegrollen. Bei den Pflanzabständen blieben wir klassisch mit 35 cm in der Reihe und 70 cm zwischen den Reihen.
Die Arbeit war anstrengend und auch schmerzhaft. Der Mulch war an der Oberfläche (wetterbedingt) sehr trocken. Das ohnehin immer recht aggressive Magerheu wurde dadurch noch “stüpfiger” und bald waren unsere Arme total zerkratzt und zerstochen. Aber die Mühe hat sich gelohnt, denn am Ende der Arbeit hatten wir 21 Reihen Kartoffeln gelegt und sind nun sehr gespannt, ob die jungen Triebe den Weg durch den Mulch an die Oberfläche schaffen!
Wir haben bereits einige sehr interessante Beobachtungen gemacht, aus denen wir hoffentlich lernen können:
- Der Mulch ist sehr unterschiedlich dick ausgebracht. An einigen Stellen liegt er recht dünn und dort kamen auch vereinzelt Pflanzen durch. An anderen Stellen wiederum liegt er sehr dick, in grossen Fetzen. Diese Verteilung ergibt sich dadurch, dass wir den Mulch mit dem Ladewagen ausgebracht haben. Das Pickup verdichtet das Material und verteilen mit der Gabel reicht nicht aus, um die gebildeten Aggregate wieder gleichmässig zu machen. Dass aber kaum Pflanzen von unter der Mulchschicht durchkamen, sagt uns, dass der Mulch für diesen Zweck sicher dick genug war.
- In dem Teil der Fläche, in dem wir den Mulch am 25. März ausgebracht haben, lag der Mulch deutlich weniger dick und trotzdem kamen dort nicht mehr Pflanzen hoch als in der anderen Hälfe. Es scheint also, dass ein gleichmässig ausgebrachter Mulch von (schätzungsweise) 35 cm eine stärker unterdrückende Wirkung hat als der klumpige Mulch mit einer maximalen Dicke über 50 cm.
- Durch das Ablagern des Mulchs hat sich diese ungleiche Verteilung stark akzentuiert. Bereiche mit grossen Klumpen wiesen auch jetzt teilweise noch eine Dicke von 40 cm+ auf, während in den Bereichen mit lockerem Material die Mulchschicht auf 15 cm+ zusammengedrückt wurde. Für die Pflanzung der Kartoffeln mussten die dicken Klumpen mit der Gabel gelockert und verteilt werden. In den anderen Bereichen passierte das “Büschelen” des Mulchs von Hand.
- Die dicken Klumpen waren innen teilweise recht staubig (schimmlig). Das ist sicher nicht erwünscht.
- Am Boden hingegen kam es aus unserer Sicht nicht zu anaeroben Bedingungen. Die Heuschicht direkt über dem Boden war zwar nass, manchmal auch richtiggehend glitschig oder faulend, aber nie stinkend. Das finde ich absolut faszinierend.
- Die Grasnarbe unter der Mulch ist grösstenteils abgetötet. Einzelne Pflanzen wie Löwenzahn oder Bärenklau zeigen sich widerstandsfähiger. Der Boden ist an der Oberfläche recht feucht und es hat Regenwürmer und Regenwurm-Kot. Zwar habe ich nicht allzu viele Würmer gesehen, aber doch recht viel Wurmkot. Dies scheint aus meiner Sicht ein gutes Zeichen.
- Ja, es hat recht viele Mäuse. Diese werden für das Gelingen des Experiments aus meiner Sicht die grösste Herausforderung darstellen. Jedes Mal wenn wir mit dem Hebeisen auf einen Mäusegang gestossen sind, haben wir diesen markiert. Da wir nicht so viele Topcat-Fallen haben wie Markierungen, rotieren wir die Fallen. Bei den bereits gefangenen Mäusen sind sowohl grosse Schermäuse als auch kleinere Feldmäuse vertreten. Das wundert mich nicht, immerhin bietet der Mulch den Mäusen Schutz vor Fressfeiden. Ich denke, für ein Gelingen des Experiments ist es unerlässlich, die Fallen fleissig zu stellen.

Blick unter den Mulch
Um die Fläche vor Wildtieren zu schützen, haben wir einen Zaun als Flexinet rundherum gespannt.
Spriessen der Kartoffeln
Am 25. Mai, also rund drei Wochen nach dem Legen der Kartoffeln, sind erste Pflanzen über dem Mulch sichtbar. Vorsichtige Erkundungen auf einer Reihenlänge von etwa 5 Metern, zeigen, dass dort alle Kartoffeln Triebe nach oben schieben, die sich aber teilweise noch unter dem Mulch befinden. Nun sind wir gespannt, wie gut es die jungen Pflänzchen durch den Mulch hindurch schaffen.
Innerhalb einer Woche kamen noch viele weitere Kartoffeltriebe zum Vorschein. Es ist beeindruckend, mit welcher Vehemenz sich die jungen Pflänzchen an die Oberfläche schieben! Gleichzeitig kommen auch andere Pflanzen zum Vorschein. So durchdrang an einigen Stellen Löwenzahn oder Bärenklau die Mulchabdeckung und auch einzelne Quecken sind über der Mulchschicht sichtbar. Unkrautregulierung ist in diesen System nur per Ausreissen möglich. Nun, während dem Heuet, gibt das auf jeden Fall viel zu viel Arbeit. Wir beobachten einfach und sind gespannt, wie sich die Kartoffeln entwickeln.
Der Mulch hat also sicher eine verzögernde Wirkung auf das Auflaufen der Kartoffeln ausgeübt. Gleichzeitig hat es am 12 Mai noch einmal geschneit, diese Verzögerung war also nicht unbedingt nachteilig.

Erste Schosse bahnen sich den Weg durch den Mulch
Ernte
Am 13. August begannen wir mit der Ernte der Kartoffeln. Das funktionierte sehr gut. Einfach etwas an der Pflanze ziehen und den Mulch im Wurzelbereich zur Seite schlagen und schon liegen dort die saubersten Kartoffeln. Insgesamt haben wir fast 300 kg Kartoffeln geerntet. Dabei haben wir gleich in solche Kartoffeln sortiert, die für die Lagerung vorgesehen sind (etwa 240 kg) und solche die bald verbraucht werden müssen (etwa 60 kg). Sehr kleine und stark angefressene Kartoffeln gehören in die zweite Kategorie.
Bei der Ernte haben wir einige sehr interessante Beobachtungen gemacht:
- Trotz der herrschenden extremen Trockenheit war die Erde unter dem Mulch grösstenteils schön feucht.
- Das zeigt sich auch daran, dass sich unter dem Mulch immer noch Nacktschnecken aufhielten, während wir sonst schon ewig keine Schnecken mehr gesehen haben.
- Unter dem Mulch hatte es sehr viele junge (sehr kleine) Regenwürmer.
- Dort wo die Stauden wegen Mäusefrass abgestorben waren, war die Erde unter dem Mulch hingegen praktisch trocken. Die Beschattung durch die Kartoffelstauden hält den Boden also auch schön feucht.
- Die Kartoffelstauden waren extrem kräftig mit schönem gesundem Laub. Mein Vater meinte, dass sie früher im klassischen Anbau nie so schöne Stauden hatten (Unterschied im Nährstofflevel oder liegt es an der besseren Wasserverfügbarkeit unter dem Mulch?).
- Auf einigen Stauden war etwas Kartoffel-Käfer-Befall, aber in einem Ausmass, das unbedeutend blieb.
- Obwohl beim Kartoffel-Anbau nach Grünland vor Drahtwürmern gewarnt wird, hatten wir keine Drahtwurmschäden.
- Der Ertrag ist von Pflanze zu Pflanze sehr unterschiedlich. Einige Stauden haben extrem viele kleine Knollen, andere hingegen eine schöne Menge Grosse.
- Die Sorte Jelly, bei der wir erst kurz vor dem Setzen mit dem Vorkeimen begannen, ist sehr schlecht aufgelaufen.
- Grüne Knollen haben wir praktisch keine gefunden, die ausgebrachte Dicke reicht also um die Kartoffeln vor Licht zu schützen.
- Die Grasnarbe wurde praktisch vollständig unterdrückt. Normales Gras konnte keines den Mulch durchwachsen und die Grasnarbe unter dem Mulch war zur Ernte nicht nur abgestorben sondern auch komplett angebaut.
- Einige Blacken schafften es, die Mulchschicht zu durchdringen und es hatte auch etwas Quecken.
Was wir hingegen hatten, sind Mäuseschäden. Die Feldmäuse legten unter dem Heu Gänge an, ähnlich wie sie dies im Winter unter dem Schnee tun und frassen auch Kartoffeln an. Aber es hatte auch Schermäuse. Das merkt man daran, dass die Mäuse unter dem Heu Haufen aufgestossen haben. In den Bereichen, in denen es viele Schermäuse hatte, sind viele Kartoffelstauden abgestorben. Wahrscheinlich haben die Mäuse immer wieder von den Knollen gefressen, bis es keine mehr hatte. Dann machten sie sich über die Wurzeln der Kartoffelstauden her, was zu deren Absterben führte.
Die Mäuse haben also rechte Verluste verursacht. Das ist natürlich nur eine Schätzung, aber wir denken, dass wir komplett ohne Mäusebefall etwa einen Viertel bis einen Drittel mehr Ertrag gehabt hätten.
Trotzdem sind wir sehr zufrieden und glücklich mit dem Ausgang des Experiments.

Kräftige Kartoffelstaude mit schönem Ertrag
Nachbereitung
Wir planen, die Fläche nächstes Jahr nochmals für den Kartoffel-Anbau zu brauchen. Dies aus mehreren Gründen:
- Das Ausbringen des Mulchs ist zeitaufwändig. So verteilen wir diese Arbeit auf zwei Ernten.
- Der Mulch ist aufgrund des trockenen Sommers erst wenig verrottet und kann problemlos (abhängig davon, wie stark er im Winter noch verrottet) ein weiteres Jahr eingesetzt werden.
- Es macht arbeitstechnisch wenig Sinn, den grössten Teils des Mulchs abzuführen um eine andere Kultur pflanzen zu können und diesen anderswo wieder zu verteilen.
- Der Boden unter dem Mulch ist noch nicht so gar, wie es für ein Gemüsebeet nötig ist.
Für Kartoffeln wird eine doppelte Stellung in der Fruchtfolge nicht empfohlen. Aus den oben genannten Gründen machen wir es aber trotzdem. Unser Hauptproblem sind dank des trockenen Sommers ohnehin nicht Krankheiten, sondern Schädlinge, genau gesagt die Mäuse.
Wie bringen wir die Mäusepopulation bis zur nächsten Pflanzung auf ein genügend niedriges Niveau? Bis jetzt haben wir uns drei Massnahmen überlegt:
- Wir entfernen den Zaun. So haben Tiere, besonders Füchse und unsere Katze freien Zutritt zu der Fläche und können dort mausen.
- Im Bereich, der den stärksten Mäusedruck aufwies, entfernen wir den Mulch auf einigen Quadratmetern, um besser Fallen stellen zu können. Das kommt sicher auch den Räubern zu gute.
- Es wird spannend zu sehen, ob die Mäuse, nun wo ihre Hauptnahrungsquelle verschwunden ist, auf der Fläche bleiben oder nicht. Darum könnte es sich durchaus lohnen, um den Kartoffel-Blätz herum auch noch Fallen zu stellen, wenn wir frische Maushaufen sehen.
Fazit
Wir sind sehr zufrieden. Einerseits mit der Erntemenge, andererseits aber damit, wie gut das Ernten verlaufen ist. Dass wir in einem so trockenen Jahr wie 2026 überhaupt Kartoffeln ernten konnten und das total ohne Bewässerung, ist für mich ein Wunder. Dass die Qualität des Ernteguts dann noch so gut ist, ist natürlich das Tüpfelchen auf dem i.
Somit kann man sagen, dass der grösste Vorteil des Verfahrens definitiv darin liegt, dass der Mulch den Boden schön feucht hält. Ein zweiter wichtiger Vorteil liegt in den sauberen Kartoffeln zur Erntezeit.
Und auch für den Boden ist diese Art von Anbau sicherlich um ein Vielfaches schonender als der traditionelle Anbau. Nicht nur findet keine Bodenbearbeitung statt, der Boden ist auch permanent bedeckt. Dadurch kann die Kartoffel von einer humuszehrenden zu einer humusmehrenden Kultur werden.
Der erste und einzige aber sehr bedeutsame Nachteil ist natürlich, dass die Mäuse sich in einem solchem Umfeld auch sehr wohl fühlen. Zwar haben wir im Frühling Fallen gestellt und diese einige Wochen auch pflichtbewusst kontrolliert und zwischen den Löchern rotiert. Ein entscheidender Nachteil des Mulchs ist aber, dass man schlicht nicht sieht, wenn die Mäuse einen neuen Gang anlegen. So sank der Fangerfolg im Frühling immer mehr und schliesslich haben wir die Fallen irgendwo anders gebraucht. Das heisst, das sich zwischen geschätzt Anfang Juni und Mitte August die Mäuse ungehindert bewegen und vermehren konnten.
Mögliche Anpassungen im Verfahren
- Um ein gleichmässigeres Ausbringen des Mulchs zu Ermöglichen, könnte es sich eventuell lohnen, diesen im Pick-up mit dem Messern kurz zu schneiden. 2026 hatten wir überhaupt keine Messer im Pick-up.
- Eventuell könnte man den Zaun weglassen, damit Raubtiere Zugang zur Fläche haben.
- Damit die Triebe der Kartoffeln den doch recht dicken Mulch durchdringen können, scheint ein gutes Vorkeimen sehr wichtig zu sein.
- Da die Kartoffelstauden extrem gross und kräftig werden in diesem Verfahren, könnte man die Pflanzabstände allenfalls auf 40 oder 45 cm in der Reihe erweitern.

Ein Blick auf die Fläche zwei Wochen nach der Ernte zeigt, dass die Verunkrautung durch den Mulch erfolgreich unterdrückt wurde
Laura Gisler, 2026
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Brachland
Cover
Sonja Korspeter






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