Auf das 35. folgt das 1. Jahr – das neue Team auf dem Biohof Fondli

Seit 2018 pachten und bewirtschaften Finn Thiele, Sébastien Czaka und Tina Siegenthaler den Biohof

Der Biohof Fondli in Dietikon ist seit über 30 Jahren ein Tausendsassa: Er ist Pionier im Biolandbau und grüne Oase im Limmattal, er wurde mit viel Erfindergeist auf immer neue Wege geführt und in den 80ern ein halbes Jahrzehnt kollektiv bewirtschaftet. Kultur und Politik sind in allen Ritzen zu finden. Und vor rund 10 Jahren hat er einer Gruppe von StädterInnen ermöglicht, auf einem Blätz Land die Gartenkooperative ortoloco aufzubauen. Mit dieser Gartenkooperative fängt auch die Geschichte von uns drei NachfolgerInnen auf dem Hof an. Wir waren alle beim Aufbau und Betrieb dieser solidarischen Landwirtschaft beteiligt und haben nun die Chance erhalten, den Hof von Sämi Spahn und Anita Lê zu übernehmen und weiterzuführen. Seit Anfang 2018 sind wir nun PächterInnen und konnten schon einiges umsetzen und anstossen, was wir uns vor- genommen haben. Eine Auswahl:

Arbeiten zu dritt

Zu Beginn der Pacht war klar, dass wir als Dreierteam den Hof ‹ma- nagen› wollen. Nach einer Anfangsphase mit bewusst offen gehaltenen Strukturen haben wir nach und nach Zuständigkeiten definiert, Verantwortungen aufgeteilt und Strukturen in den Arbeitsalltag gebracht. Es wird aber weiterhin keineN ‹ChefIn› geben. Wir wollen in unserem Alltag eine basisdemokratische Betriebsführung auf Augenhöhe weiterentwickeln und klassische Rollenbilder ganz praktisch entkräften. In der Landwirtschaft verschmelzen unmittelbar produktive und reproduktive Arbeiten, die Frage nach ‹bezahlter› und unbezahlter Arbeit stellt sich wie von selbst. Die Antworten darauf lassen sich dann gleich praktisch umsetzen: Das Zmittag kochen alle abwechselnd, politisches oder zivilgesellschaftliches Engagement wird als Arbeitszeit gerechnet, weniger beliebte Büroarbeit wird möglichst gerecht aufgeteilt, Dienstleistungen wie Lieferfahrten werden möglichst konsequent in Preiskalkulationen mit eingerechnet.

Experimentierfeld Landwirtschaft

Mit beinahe jugendlichem Elan haben wir im vergangenen Jahr verschiedene neue Sachen aus- probiert: Kreisläufe schliessen und Zusammenhänge wieder herstellen sind Anliegen, die wir auf dem Fondlihof nach und nach umsetzen wollen. Ein Beispiel: Statt die Legehennen ‹fix-fertig› von einem Geflügelhändler einzukaufen, haben wir den Versuch gewagt, unsere eigene Hühnerherde nachzuziehen. Dafür haben wir die befruchteten Eier von unseren Legehennen gesammelt und beim Nachbarn ausbrüten lassen. Logisch, dass aus rund der Hälfte der Eier Güggel schlüpfen. Diese sind zusammen mit den weiblichen Küken bei uns aufgewachsen, und mit vier Monaten haben wir sie zum Metzger gebracht. Ernüchternd war dann aber die Berechnung des Verkaufspreises für die Güggeli: Unser Anspruch war eine transparente Vollkostenrechnung … Das Ergebnis davon wären 80.- für ein Güggeli gewesen – wir haben sie schlussendlich für richtpreiskonforme 50.- pro Stück verkauft. Wir haben nun das Experiment Hühnernachzucht vorläufig auf Eis gelegt, aber es war eine absolut wertvolle Erfahrung auf der ganzen Linie (siehe Infokasten). Nach dem ersten Grasschnitt Anfang Mai für den Futter-Wintervorrat wollten wir auf einem Feld Sonnenblumen säen. Trotz Konsultation von Merkblättern haben wir uns mit dem Säzeitpunkt etwas auf die Äste rausgelassen – mit einigem Rechercheaufwand haben wir dann noch jemanden gefunden, der uns die Sonnenblumen mit der Einzelkornsämaschine ‹noch so spät› gesät hat. Aber Anfängerglück sei Dank: Die Sonnenblumen haben sich in der heiklen Keimphase den Schnecken widersetzt, die extreme Trockenheit gut überstanden und einen sehr sonnigen und warmen Herbst lang Zeit gehabt zum Ausreifen. Das Ergebnis ist wunderbar feines Sonnenblumenöl, das wir in der Ölmühle eines befreundeten Hofes kalt pressen lassen konnten. Das eigene Öl zu kosten, hat uns mehr beeindruckt und mit Freude erfüllt, als wir erwartet hätten.

Näher zu den KonsumentInnen

Die guten und mit viel Einsatz produzierten Landwirt- schaftsgüter einfach alle an einen Grossabnehmer zu verkaufen, ist für uns nicht stimmig. Viel mehr wollen wir die Produkte direkt an die KonsumentInnen abgeben, Hintergrundinformationen dazu liefern und die Wertschätzung für die Lebensmittel teilen, die von unseren Böden, Pflanzen und Tie- ren stammen und um deren Wohlergehen wir uns jeden Tag kümmern. Rund die Hälfte des Obsts inkl. Verarbeitungsprodukte geben wir als Abo, über den Hofladen und die neue Selbstbedienungsvitrine sowie über befreundete WiederverkäuferInnen ab; 6 bis 8 Rinder verkaufen wir in Form von Mischpaketen und teilweise schon an StammkundInnen. Das Sonnenblumenöl setzen wir auf Bestellung und im Hofladen ab und die Eier gehen alle- samt als Abo und über den Hofladen und den neuen Selbstbedienungskühlschrank raus. In der Direktvermarktung lernen wir viel über die Produkte, die Verarbeitung und die Qualität und sammeln wertvolle Erfahrungen be- züglich Kommunikation, Werbung, Logistik und Buchhaltung.

Projekte

Die Weiterentwicklung auf dem Fondlihof war uns schon zu Beginn ein grosses Anliegen. Wir haben das Glück, dass auch unsere Vorgängerin Anita und Vorgänger Sämi diesbezüglich ganz ähnlich ticken und es begrüssen, wenn der Hof weiterhin ein offener Ort bleibt. Ein grosses Projekt haben wir soeben mit einer starken Gruppe interessierter Genossen- schafterInnen von ortoloco gestartet: Der ganze Biohof Fondli soll in ein paar Jahren nach dem Konzept der solidarischen Landwirtschaft funktionieren. Damit ist der direkte Zusammenschluss von KonsumentInnen und ProduzentInnen gemeint. Die KonsumentInnen werden sich mit den Produkten versorgen, die auf dem Hof geerntet und verarbeitet werden, und tragen die Produktions- kosten dafür anteilsmässig mit. Attraktiv soll ausserdem eine gut organisierte Möglichkeit zur Mitgestaltung und Mitarbeit im Betrieb sein: Direkter und interessanter kann der Ein- blick in die Produktion der Lebensmittel kaum sein. Und – dort wo es viele Hände braucht, schafft es sich in einer grösseren Gruppe viel einfacher.

Hofkauf

Anita und Sämi möchten den Hof definitiv in unsere Hände geben. Und wir ha- ben uns nach einem Jahr Pacht entschieden, dass wir das auch wollen. Wir sehen uns am richtigen Platz und möchten unsere Zukunft auf dem Fondlihof gestalten. Mit der nötigen Umsicht planen wir nun seit rund drei Monaten die Handänderung. Es gilt, viele Abklärungen zu treffen, etliche Behördengänge zu machen, einiges zu organisieren – und uns immer wieder auszutauschen, welche Interessen, Optionen und Lösungsvorschläge vorhanden sind. Wir lassen uns dabei die nötige Zeit, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren: Anita und Sämi sollen eine gesicherte Altersvorsorge haben und wir wollen eine Hofzukunft, die uns finanziell nicht überfordert. Gute BeraterInnen helfen uns dabei, die richtigen Schritte zu unternehmen und realistisch zu bleiben. Wir sind gut in das zweite Jahr auf unserem Biohof gestartet. Nun werden wir zum zweiten Mal den Zyklus der Jahreszeiten und die entsprechenden Arbeiten erleben und er- fahren. Und jetzt haben wir das erste Mal die Gelegenheit, unsere Überlegungen, Erfahrungen, Fehler und Analysen in unser Tun mit einfliessen zu lassen und zu entdecken, wie sich das auswirkt. Wir freuen uns sehr darauf, anzuwenden, was wir bisher gelernt haben, und unsere Erfahrungen wieder ein Stück zu erweitern.

Tina Siegenthaler, 2019, www.fondlihof.ch

Artikel erschienen in Kultur und Politik 1/2019 (Download als pdf)

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Das neue Team von Biohof Fondli
Fondlihof
Bio-Gemischtbetrieb in Dietikon
Finn Thiele (36), Sébastien Czaka (37), Tina Siegenthaler (33)
drei Vollzeitstellen in der Landwirtschaft, 3 Teilzeitstellen im Gemüse, wechselnde Aushilfen, Zivis, PraktikantInnen
20 ha
1 ha
Bio-Suisse
Rinderzucht, Futterbau, Getreide, Ölsaaten, Gemüse, Obst, eigenes Öl
Obstbau (Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Kirschen), Gemüsebau,
Futterbau und Anbau von Dinkel,  Weizen, Hirse, Speisesoja, Lein
und Sonnenblumen für Speiseöl
35 Bio-Weide-Rinder, halbtags im offenen Laufstall, 150 Legehennen, Bienen, Katzen
400 m ü. M.
Solidarische Landwirtschaft beim Gemüse,
zukünftig soll der ganze Hof nach diesen Prinzipien bewirtschaftet werden
Gemüsebau als Solawi, Rechtsform landwirtschaftliche GmbH, Hofladen mit Selbstbedienungsvitrine, Direktvermarktung von Fleisch, Eiern, Öl, Obst, Most und Schnaps
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