Solidarische Landwirtschaft für Flexible

Auf dem Betrieb Hegisau werden alle Produkte direkt vermarktet, unter anderem in einem Abosystem. Dieses ist aber um einiges flexibler, als man sich das von einem Gemüse-Abo gewohnt ist. In vielen Abosystemen wird das Abo für ein ganzes Jahr abgeschlossen und die Konsument:innen bezahlen im Voraus. Dieses System soll das Risiko von den Produzent:innen zu den Konsument:innen umverteilen.

Nicht so bei Kathrin und Rafael Lenz. Einzig die Verpflichtungsdauer für ein Abo ist bei Ihnen mit einem Jahr so lange, wie man es aus dem bekannten Modell kennt. Sonst aber unterscheidet sich das System von Familie Lenz klar von einer klassischen SOLAWI. Die Abonnent:innen erhalten keine fixe Gemüsetasche, sondern können den Inhalt ihrer wöchentlichen Tasche aktiv selber bestimmen. Kathrin arbeitet mit einer Web-App, die speziell für die Verwaltung von Abos entwickelt wurde. Über diese kann sie den Abonnent:innen einen Bestell-Vorschlag senden. Die Abonnent:innen wiederum können Produkte aus der Tasche entfernen oder andere hinzufügen. Es ist auch möglich, sich für eine gewisse Zeit abzumelden, oder in einzelnen Wochen gar keine Produkte zu beziehen. Alle zwei Monate erhalten die Kund:innen eine Rechnung für die effektiv bezogenen Lebensmittel.

Blick in die Abo-Ansicht der Konsument:innen

Dieses Modell kommt nicht von ungefähr. Kathrin sagt: “Wir sind hier in einer ländlichen Gemeinde, einige meiner Kundinnen sind sogar ebenfalls Bäuerinnen und viele der Abonnent:innen haben selber einen Garten. Ein starres Abo funktioniert hier einfach nicht. Es macht keinen Sinn, Salate über ein Abo zu verkaufen, wenn die Menschen in ihren Gärten selber schon eine Salatschwemme haben.”

Und dieses Modell hat sich bewährt, denn durchs Band kaufen die Kund:innen mehr Lebensmittel, als sie es tun würden, wenn das Abo auf einen fixen Betrag beschränkt wäre. Wenn Kathrin den Vorschlag versendet, kann sie ihre Abbonent:innen auch darauf aufmerksam machen, wenn sie von einem Gemüse gerade sehr viel im Angebot hat, oder warum ein Gemüse nicht der Norm entspricht und deshalb zu einem reduzierten Preis zu haben ist.

“Dass ich so Überschüsse verkaufen kann, ist für mich auch eine Art der Solidarität, die meine Kund:innen uns gegenüber zeigen.”

Auch die Lämmer und die Eier der Schweizerhühner, sowie deren Bruderhähne vermarkten Kathrin und Rafael über Abos. Dabei haben diejenigen Personen, die Schafmilchprodukte beziehen, quasi ein Vorkaufsrecht auf das Lammfleisch. Genau gleich funktioniert es bei den Hühnern. Eierkonsument:innen haben Vorrang, wenn es um die Bestellung der Poulets geht. So können Kathrin und Rafael Erhaltungszucht mit Fleischproduktion kombinieren. Die Junghähne, die nicht für die Erhaltungszucht geeignet sind oder kein neues Zuhause finden, werden im Alter von fünf Monaten geschlachtet.

Auch die Mithilfe der Abonennt:innen, die in vielen SOLAWIs gross geschrieben wird, ist bei Familie Lenz kein Thema. Erstens arbeitet der Betrieb auf relativ kleinen Flächen mit vielen verschiedenen Kulturen. Einige der Nutzpflanzen die Kathrin anbaut, wie beispielsweise Baumspinat, säen sich zuverlässig selber aus. Eine Tragödie also, wenn eifrige Helfer:innen die Sämlinge ausjäten würden!

Und zweitens arbeiten sowohl Rafael als auch Kathrin noch je 40 % ausserhalb des Betriebes. In ihrer Zeit auf dem Betrieb geniessen sie es darum sehr, für sich allein zu arbeiten und ihre Routinen zu entwickeln. Immer wieder wechselnde Helfer passen nicht in diesen Lebensentwurf.

Das soll aber nicht heissen, dass der Kontakt mit der Nicht-Landwirtschaftlichen Bevölkerung bei Familie Lenz zu kurz kommt. In der Gemeinde Fischenthal gibt es seit 2023 das Kauf-Lokal. Das Kauf-Lokal ist einerseits eine Webplattform und andererseits ein Abhol-Depot. Produzent:innen (ob aus der Landwirtschaft oder aus dem Handwerk) können auf dieser Plattform ihre Angebote präsentieren. Kund:innen können diese online bestellen und einmal im Monat werden die bestellten Waren im Kauf-Lokal abgeholt. Gerade in der Gemeinde Fischenthal, die sehr weitläufig ist und sich auf mehrere Weiler verteilt, erfüllt das Kauf-Lokal auch die Funktion eines Dorf-Treffpunkts. Nach den Vorteilen des Kauf-Lokals gefragt, antwortet Kathrin, dass sie den integrativen Ansatz solcher Modelle sehr schätzt. So werden die Konsument:innen, die Produzent:innen und die Lokalpolitik (Gemeinde) mit einbezogen. Dass die Gemeinde an Bord ist, hat den Vorteil, dass die Organisation anfänglich über öffentliche Gelder unterstützt wurde. Auch ist es mit der Gemeinde an Bord viel einfacher, passende Räumlichkeiten für das Kauf-Lokal zu finden.

Blick in den Abholraum der Familie Lenz (Bild: Familie Lenz)

Laura Gisler, 2026

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Hegisau
Fischenthal, ZH
Rafael und Kathrin Lenz
eine Bäuerin-Praktikantin (ein Tag/Woche)
0.27 ha
6.25 ha
1.5 ha
Bio Suisse
Schafhaltung, Gemüsebau
0.27 ha Gemüse und Spezialkulturen als Code Permakultur angemeldet
Bündner Oberländer Schafe
Lacaune-Milchschafe
insgesamt 14 Mutterschafe
35 Schweizer Hühner und Legehennen
750 m ü. M.
1600 mm
lehmig, Oberboden von geringer Mächtigkeit
Gemüseanbau für die Direktvermarktung, 100 % Direktvermarktung, umfassende Verwertung aller anfallenden Produkte (Beispiel Wolle)
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