Buchtipp: Gärtnern mit Landsorten
Weltweite, lokale und private Ernährungssicherheit durch genetisch vielfältige, sich frei verkreuzende Pflanzen
Joseph Lofthouse, übersetzt von: Jürgen Müller-Lütken und Peter Ekl
Klappentext:
Robuste, lokal angepasste Nutzpflanzen anbauen – ohne Chemie, ohne Stress, ohne ständiges Eingreifen.
Gärtnern mit Landsorten stellt einen revolutionären Ansatz vor: Pflanzen, die sich selbst an Klima, Boden und Anbautechnik anpassen – durch genetische Vielfalt, die durch natürliche Verkreuzung entsteht.
Joseph Lofthouse zeigt, wie du mithilfe freizügiger Bestäubung, genetischer Vielfalt und natürlicher Selektion:
- widerstandsfähige Pflanzen bekommst, die selbst Trockenheit, Kälte oder kurze Sommer aushalten
- genetische Vielfalt durch freie Verkreuzung erhältst
- Überlebensfähigkeit förderst, damit deine Pflanzen die harte Arbeit selbst erledigen
- auf Dünger, Chemikalien und teure Hilfsmittel verzichten kannst
- Saatgut gewinnst, das jedes Jahr bessere Pflanzen hervorbringt
- einen Garten schaffst, der sich an dein Klima, deinen Boden und dein Ökosystem anpasst
Für Selbstversorger, Gärtnerinnen und alle, die gesunde Ernährung aus eigener Hand schätzen – Gärtnern mit Landsorten verbindet alte Weisheit mit modernster Nutzpflanzenvielfalt. Gärtnere frei, lokal und mit der Natur – nicht gegen sie!
| 224 Seiten, 14.8 x 21 cm, Paperback, ISBN 9798989559961, 1 Auflage, erschienen 28. Aug. 2025 |
Hinweis: Der Klappentext stammt aus der deutschen Übersetzung, die Rezension basiert jedoch auf der englischen Student Edition in Schwarz-Weiss.
Rezension
“Landrace Gardening” ist ein täuschend simples Buch. Es enthält wenig technische Details oder konkrete Anleitungen. Mit seinen rund 140 Seiten (englische Ausgabe) ist es schnell gelesen. Doch dann kommt die wahre Magie: Es ist eben nicht schnell verdaut. In seiner Einfachheit ist dieses Buch das Gegenteil von literarischem Fast-Food.
In den Tagen nachdem ich es gelesen hatte, merkte ich, wie ich viel darüber nachdachte. Es ist kein klassisches Gartenbuch, sondern das Manifest eines Mannes, der eine Methode gefunden hat, die für ihn funktioniert und die er nun teilen möchte.
Die Idee ist simpel und auch nicht wirklich neu: Statt den Standort an die Bedürfnisse der Nutzpflanzen anzupassen, müssen sich die Pflanzen an den Standort anpassen.
Die Idee der Standortgerechtigkeit wird in der Schweizer Landwirtschaft oft beschworen. Kommen deine Kühe mit dem Grundfutter das du hast, zurecht? Hast du die Böden für die Ackerpflanzen, die du anbauen willst? Hat man diese Bedingungen nicht, wird davon abgeraten, diese Nutzpflanzen anzubauen. Es wäre nicht standortgerecht.
Joseph Lofthouse geht hier einen Schritt weiter und sagt: Ja, aber hatten die Pflanzen überhaupt die Möglichkeit, sich anzupassen?
Genetische Vielfalt ist die Basis für Anpassung an die Umwelt. Wenn wir genetisch einheitliches Saatgut kaufen, das unter anderen Bedingungen getestet wurde als den hiesigen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie für uns nicht funktionieren. Wir müssen den Nutzpflanzen die Chance geben, sich an unsere Bedingungen anzupassen. Das können sie, wenn wir genetisch vielfältiges Saatgut verwenden. Und von den Pflanzen, die gut gedeihen, neues Saatgut ernten.
Josephs Ansatz ist pragmatisch. Die Nutzpflanzen, die er anbaut, müssen genetisch genug divers sein, um sich anpassen zu können. Das heisst aber nicht, das willkürlich alles gemischt werden muss. Bei Moschata-Kürbissen hat sich gezeigt, dass Köche Früchte mit langem Hals bevorzugen, während die Menschen, die auf dem Markt einkaufen, eher kleine Früchte mögen. Diese Ansprüche berücksichtigt Joseph in seiner Arbeit. Er trägt Sorge dafür, dass beide Typen in seiner Population vertreten bleiben.
Doch was ist mit der Erhaltung von alten Sorten? Geht denn nicht genetische Vielfalt verloren, wenn wir Saatgut mischen, statt nach Sorten getrennt zu erhalten? Nicht unbedingt. Statt viele Sorten mit schmaler geneetischer Basis zu erhalten, werden Populationen mit hoher Vielfalt innerhalb gepflegt.
Doch wie steht es um die Beziehung zwischen dem Gärtner oder der Landwirtin und der Pflanze? Immerhin schätzen viele Menschen an den Alten Sorten gerade die Geschichten dahinter besonders.
Am meisten berührt hat mich das folgende Zitat:
I rejoice in letting go of attachment to names and stories. It frees me up to have a personal, intimate connection to the seeds. It helps me to more honestly evaluate each plant on its own merits, because I’m not biased by names or stories. Each relationship is fresh and new each generation.
Es macht mir Freude, meine emotionale Bindung an Namen und Geschichten loszulassen. Das gibt mir die Freiheit, eine persönliche, vertraute Beziehung mit dem Saatgut zu haben. Es hilft mir, die Pflanzen ehrlicher nach ihren eigenen Stärken zu bewerten, weil ich nicht durch Namen oder Geschichten voreingenommen bin. Jede Beziehung ist in jeder Generation frisch und neu.
Joseph Lofthouse
Weniger Geschichte, mehr echte Beziehung zur Pflanze, das klingt doch gut. Ich persönöich bin aber noch nicht überall so weit. Ich liebe meine Pflanzen. Ich schätze, dass sie für mich gedeihen und dass sie köstliche und gesunde Lebensmittel liefern. Und ja, bei einigen liebe ich auch ihre Namen und Geschichten, die überliefert wurden.
Das ist nicht falsch, es ist einfach nicht unbedingt nötig. Josephs Beispiel zeigt mir, dass ich auch an namenlosen Pflanzen ohne lange überlieferte Geschichte genau so viel Freude haben kann wie an meiner alten Stangenbohnen-Sorte
Wie gesagt, das Buch regt zum Nachdenken an. Es wirft viele Fragen auf, die es nicht beantwortet. Es ist keine technische Anleitung. Es ist persönlich und berührend, einfach.
Es ist ein Anfang, eine Einladung, Pflanzenbau und Saatgut anders anzugehen. Wer dieser Einladung folgen will, findet auf GoingtoSeed einen kostenlosen Online-Kurs auf Englisch, der sich mit den technisch-praktischen Aspekten befasst. Wer praktische Anleitungen sucht, wird im Online-Kurs fündig. Wer hingegen gerne in Ideen und Gedanken schwelgt, wird das Buch schätzen.
Anmerkung zur Erhältlichkeit
Die deutsche Übersetzung ist nur auf Amazon und Lulu erhältlich. Lulu ist ein weltweit tätiges Unternehmen, das Bücher auf Bestellung druckt. In der Schweiz ist eine Studenten-Edition auf Englisch, sowie die französische Übersetzung bei Orell Füssli erhältlich.
Laura Gisler, 2025







Sonja Korspeter





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