Wenn Beeren unter Bäumen wachsen: Polykultur auf dem Naturhof Schönegg

Akt 1: Sommer 2025
Mischkultur unter Bäumen – mehr als nur Grünland
Unter den Hochstammobstbäumen des Naturhofs Schönegg wächst nicht etwa nur Gras, ganz und gar nicht. Die Baumscheiben sind mit Johannis- und Stachelbeeren bepflanzt, verschiedene Kohlarten wie Rosenkohl und Kalettes gedeihen darunter, und Sonnenblumen sorgen für farbige Akzente. Diese bunte Mischung ist kein Zufall, sondern Teil eines durchdachten Anbausystems, einer Polykultur. Was sind die Beweggründe dahinter?
Vielfalt und Effizenz. Wir sind ein kleiner Betrieb und wollen auf unserer Fläche möglichst viele Lebensmittel produzieren. Und die Vielfalt ist uns ganz wichtig, weil wir merken, dass sich das gegenseitig unterstützt.
Joe Heggli, Team-Mitglied Naturhof Schönegg
Mehraufwand, der sich lohnt
Rund 360 Hochstammobstbäume stehen auf dem Betrieb. Unter ihnen entsteht durch die zusätzliche Bepflanzung ein intensives, aber auch pflegeaufwendigeres Anbausystem. Der Mehraufwand lohnt sich jedoch: besonders die Beeren bringen über die Direktvermarktung einen guten Erlös. Auch bei den Gemüsepflanzungen sind finanzielle Überlegungen wichtig: Kalettes werden vermehrt durch den Rosenkohl ersetzt. Zwar ist das trendige Gemüse im Hofladen gefragt, durch das geringe Gewicht und den hohen Ernteaufwand sind sie gegenüber dem Rosenkohl aber weniger attraktiv.
| Was sind Kalettes? Kalettes, auch Flower Sprouts genannt, sind eine Kreuzung aus Rosen- und Federkohl. Kalettes eignen sich ideal zum Braten, Dünsten oder für den Rohverzehr. Optisch ähneln sie kleinen, offenen Röschen mit krausen Blättern und einer grün-violetten Färbung – wie zierliche Federkohlblätter auf einem kurzen Stiel. |
Pflege mit System – und Schneckenstrategie
Die Pflege dieses vielfältigen Unterwuchses beginnt im Frühjahr 2025 mit der Pflanzung der Gemüsesetzlinge. Blumen werden entweder direkt angesät oder als Setzlinge gepflanzt. Bei der Pflanzung werden die Reste der alten Kultur, beispielsweise die Stiele der Rosenkohl-Pflanzen ausgerissen und am Rand der Baumscheibe wallförmig abgelegt. Diese Massnahme dient als Schneckenschutz: Im Innern der Fläche bleibt der Boden kahl, was Schnecken abschreckt. Aber noch wichtiger: Dadurch steht den Schnecken im Randbereich des kleinen Gärtchens weiches, halbverfaultes Pflanzenmaterial zur Verfügung. Die Weichtiere bevorzugen dieses gegenüber den zähen Blättern etablierter Pflanzen. So sind die jungen Setzlinge nur wenige Tage wirklich gefährdet.
Auch Wühlmäuse stellen eine Herausforderung dar. Zum Teil stellt der Betrieb Fallen auf. Weil Fallenstellen und Kontrollieren im grossen Stil schnell aufwändig wird, setzt der Betrieb hauptsächlich auf Vergrämung: Mit einem speziellen Stock werden die unterirdischen Gänge regelmässig zum Einsturz gebracht. Die wiederkehrende Störung vertreibt die Tiere mit der Zeit.

Noch ist das System jung und das Team des Naturhofs Schönegg ist sich nicht sicher, was sich bewähren wird. Klar ist von Beginn weg: Ein solches System kann nicht statisch bleiben. Mit zunehmender Baumgrösse nimmt auch der Schattenwurf zu. Um dem Rechnung zu tragen, sollen unter grossen Bäumen kein Gemüse mehr, sondern vor allem Beerensträucher wachsen. Diese sind dann etabliert und bringen viel Ertrag. Der unterschiedlich starke Schatten der Bäume führt zu einer gestaffelten Reife der Beeren. Das reduziert Arbeitsspitzen und das Sortiment im Hofladen bleibt länger attraktiv.
Akt 2: Sommer 2026
Ein System im Wandel

Die roten Johannisbeeren bringen trotz der Hitze und Trockenheit einen schönen Ertrag… 
die Pflanzen sind aber hie und da etwas schütter
So weit die Theorie im Sommer 2025. Bei meinem zweiten Besuch im Sommer 2026 ist vom Gemüse nicht mehr viel zu sehen. Dagegen schwärmt Joe regelrecht vom Beerenanbau unter den Bäumen: “Dass diese Pflanzen im sehr heissen und trockenen Sommer 2026 schon gewachsen sind und sogar getragen haben, zeigt für mich, dass dieses System funktioniert.”
Tatsächlich sind die meisten Beeren-Pflanzen sehr schön, mit dunkelgrünem Laub und stattlichem Zuwachs. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Pflanzen überhaupt nicht bewässert werden. Nur hie und da sind einige hellgelbe Blätter zu sehen, besonders bei den roten Johannisbeeren. Einige wenige Pflanzen sind offensichtlich stark gestresst oder bereits abgestorben. Joe winkt ab: “Ein bisschen Verlust hat man immer, das ist normal. Dort werde ich einfach nochmals nachpflanzen.”
Auch Blumen und Kräuter unter den Bäumen findet Joe weiterhin toll. Ringelblumen beispielsweise decken den Boden gut ab. Auch an Sonnenblumen im Obstgarten erfreut sich Familie Heggli. Dank Direktsaat machen die Blumen kaum Arbeit und sehen sehr schön aus. Zwar sind die Blumen im trockenen Sommer 2026 grösstenteils bereits verdorrt, als ich den Betrieb besuche, da es sich aber um einjährige Pflanzen handelt, ist das längerfristig kein Problem.
Bei den Kräutern werden mehrjährige Arten wie Salbei oder Rosmarin gepflanzt. Joe meint: “Bei der Pflanzenwahl sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Du kannst einfach ausprobieren, ganz verschiedene Arten sind geeignet.”
Die Beerensträucher werden auf dem Hof selbst vermehrt – durch Absenker und Stecklinge. Das spart nicht nur Kosten, sondern macht den Betrieb auch unabhängiger von Zukäufen. Gleichzeitig ist eine Vermehrung über Stecklinge auch arbeitswirtschaftlich interessant. Joe Heggli, der das System betreut, hat eine pragmatische Herangehensweise und sagt: “Ich mache mir keinen grossen Aufwand. Das sind meist einfach Ableger, die ich vom Mutterstock abreisse und entweder kommen sie oder dann halt nicht.”
Manchmal erzeugt Joe auch gezielt bewurzelte Ableger, in dem er die Trieb zur Erde biegt und mit einem Stein beschwert. Dieses Verfahren braucht kein spezielles Equipment, kann an Pflanzen durchgeführt werden, die tragen und braucht keinen zusätzlichen Platz für die Vermehrung. Ideal also, wenn man nicht viele Ressourcen aufwenden kann oder will. Diese pragmatische Herangehensweise ermöglicht Experimentieren mit geringem Aufwand.

Die Stachelbeer-Büsche hängen übervoll mit süssen Beeren 
Und wie die Johannisbeere (links des Baumes), weist auch die Stachelbeere einen starken Zuwachs und gesundes Laub auf
Doch wieso wurde Gemüseanbau unter den Bäume verworfen? Vor allem arbeitstechnische Gründe stecken dahinter. Das System funktioniere zwar, aber es sei zu arbeitsintensiv. Für den Hausgarten und Selbstversorger:innen könne es aber sicher sinnvoll sein, meint Joe. Nur noch einzelne blühende Kohlpflanzen erinnern an die letztjährige Gemüseproduktion unter den Bäumen.
So scheint es, dass das Gemüse unter den Bäumen nur ein kurzes Intermezzo darstellte auf der langen Liste von Dingen, die auf dem Naturhof Schönegg schon ausprobiert wurden. Die Beeren und Blumen unter den Bäumen hingegen – die sind gekommen um zu bleiben.
Mischkultur trifft Weidehaltung
Doch wie ist es überhaupt möglich, diese kleinen Garten-Inseln auf Flächen anzubauen, die auch als Weide genutzt werden?
Der Naturhof hat dafür ein spezielles Zaunsystem entwickelt, das den sensiblen Wurzelraum der Bäume schützt, ohne die Beweidung der Fläche als Ganzes einzuschränken. Für die Polykultur besonders wichtig: Sind die Bäumchen etwas grösser, kann der Zaunpfahl entfernt werden. Dann können die Kühe gut um den Baum und die Beerenstauden herum grasen. So wird die Pflege der Baumscheibe mit zunehmendem Alter der Bäume immer effizienter. Stand 2026 war kein Ausmähen der bepflanzten Baumscheiben nötig und die Kühe liessen die Beerenstauden wohlweislich in Ruhe.

Text und Bilder Laura Gisler, 2026
Hochstammobstgarten mit über 500 Bäumen
Spargeln
Rhabarber
Maststiere
Zuchtschweine
Mastschweine
Legehennen









Hannah Sommer 
Sonja Korspeter
Hof Silberdistel
siehe Text 





Dein Kommentar
Erfahrungswissen zu diesem Thema?Verfasse ein Kommentar!