Brüederhof – Muttergebundene Kälberaufzucht und Gemüsebau

Beim Hofrundgang mit Kaspar Günthardt vom Brüederhof in der Nähe von Zürich lernen wir einen Betrieb kennen, der seit dreissig Jahren erfolgreich eigenwillige Wege geht.

Emsiges Treiben herrscht an diesem Julimorgen auf dem Betrieb. Es wird abgeholt und geliefert. Maschinen werden für den Tag auf dem Acker vorbereitet. Ein Tierarzt begutachtet die Klauen einer Kuh im Klauenstand. Und mittendrin bindet sich Hofbesitzer Kaspar Günthardt (70) in aller Ruhe seine Wanderschuhe, um uns über den Hof zu führen. Er ist zwar seit fünf Jahren pensioniert und sein Sohn Simon (44) führt den Hof zusammen mit seiner Frau Martina Knoepfel (40) und den Kindern Milo (knapp 5) und Livia (7). Doch Günthardt Senior hilft gerne noch aus wo er kann und mag und steht den jungen Leuten beratend zur Seite. 
Die Wurzeln des Brüderhofes liegen im ersten Weltkrieg. Kaspar Günthardts Grossvater ersteigerte den Hof 1923 im Zuge der Schweizer „Innenkolonisierung“, einer Folge der Nahrungsmittelknappheit und klimatisch bedingter Missernten Mitte des Ersten Weltkrieges, und nannte ihn zu Ehren seiner acht Söhne den „Brüederhof“. Ursprünglich war der Boden, auf dem der Hof steht, ein Moor, das dann mittels Drainagen entwässert wurde. „Der Boden ist dadurch humusreich (10-20%) bis anmoorig“, erklärt uns der Altbauer. Wir spüren, dass dieser Mann ist noch immer mit Herzblut bei der Landwirtschaft ist und dass er seine Begeisterung und sein Wissen auch gerne weitergibt.

Sorgfältige Bodenpflege

Kaspar Günthardt führt uns zuerst zu den Ackerflächen, auf denen verschiedene Hackfrüchte gedeihen: Kartoffeln, Rüebli, Sellerie, Randen, Pastinaken, Lauch. „Die hohe Frucht-barkeit des Bodens lässt sie allgemein gut gedeihen, doch dieses Jahr war es eindeutig zu nass. Die Staunässe im Boden war problematisch für die Pflanzen. Und gewisse Hackarbeiten konnten wir erst in der letzten Woche wieder, und damit eigentlich zu spät, ausführen.“

Zwei Saisonarbeiter sind fleissig am Jäten, während uns Kaspar seinen Ackerbau erklärt. Lagergemüse, Kartoffeln und Kunstwiese werden abgewechselt. Die Kunstwiese hat einen hohen Kleeanteil, der für die Kühe auf dem Brüederhof im Winter sehr wichtig ist (mehr dazu später); das Kleegras ist zudem hilfreich gegen zu starken Humusabbau. In die Fruchtfolge ist deshalb regelmässig eine Anbaupause mit Kleegraswiese eingeplant.

Die Kehrseite der Medaille Fruchtbarkeit ist die hohe Unkraut-wüchsigkeit. Der biologisch wirtschaftende Betrieb hat dadurch einen hohen Aufwand bei der Bodenbearbeitung. „Wir ackern die Kleegraswiese nach einem Jahr auf eine Tiefe von 15 cm und lockern dann bis 25 cm tief. So werden pflanzenverfügbare Nährstoffe mobilisiert und einer Pflugsohle entgegengewirkt.“ Ausserdem hat Kaspar 3 Meter breite Grasstreifen zwischen den Kulturen angelegt, die als Fahrgassen für den Traktor dienen. Die Gefahr der Bodenverdichtung in der Kultur werde so verringert und man könne auch bei relativ nassem Boden den Acker bearbeiten oder düngen.

Das beste Mittel, um dem Humusabbau entgegenzuwirken, sind Dauerwiesen und Weiden. Seit Grossvaters Zeiten werden auf dem Hof schon Tiere gehalten und auch heute wird das meiste Land als Weide- und Futterfläche für die Milchkühe genutzt.

Ausgeklügelte Geräte

Weiter führt uns der Rundgang zum vielfältigen Maschinenpark. Stolz präsentiert uns Kaspar seinen Geräteträger und die Gänsefussschare, das Sternhackgerät, die Hackbürste, die Fingerhacke, die Torsionshacke, die Häufelschare und den Hackstriegel, die er daran befestigen kann. Praktisch für jede Kultur und jede Art von Bodenbearbeitung steht so ein spezifisches Gerät zur Verfügung, darunter auch innovative Eigenkreationen wie das elektrisch betriebene Jätvelo. Dieses Gefährt, das ein Bekannter von Kaspar entwickelt hat, erlaubt zwei Personen das rückenschonende Jäten im Liegen.

In einem eigenen Geräteschuppen steht ein riesiger Kartoffelvollernter (beladen 10t schwer). Diese Maschine kostete den Hof nicht weniger als 120‘000 Franken. Für gerade mal fünf Hektar Kartoffelanbau ist dies eine grosse Investition. Doch dank verschiedenen Zusatzausrüstungen kann die Maschine auch für die Zwiebel- und Sellerieernte eingesetzt werden. Kaspar erläutert uns an diesem Beispiel, wie schade es ist, dass im Umfeld des Brüederhofes praktisch keine weiteren Biobauern zu finden sind, mit denen er Maschinengemeinschaften bilden kann. Mit den konventionellen Bauern wären Kooperationen zwar theoretisch möglich, aber viele Bodenbearbeitungsgeräte benutzten diese gar nicht, da die Unkrautregulierung grösstenteils mit Hilfe von Herbiziden erledigt werde. Den Kartoffelvollernter würden zudem alle umliegenden Bauern zum selben Zeitpunkt benötigen, was eine Zusammenarbeit zusätzlich erschwere.

Luftiger Freilaufstall für Hornkühe

Im Vordergrund der überdachte Futtertisch, im Hintergrund die Liegeboxen.

Nun kommen wir zum Prachtstück des Hofes, dem Kuhstall für 40 Milchkühe und rund 12 Rinder. Nachdem der alte Stall abgebrannt war, wurde 1994 ein neuer Stall konzipiert und gebaut. Das Ergebnis ist ein sehr offener, heller und tierfreundlicher Laufstall mit viel Freilauffläche. Durch den Melkstand mit Sechser-Fischgrät-System treten wir in den Laufhof. Vor uns in der Mitte gedeihen zwei Bäume, die den Kühen im Sommer angenehmen Schatten spenden. Rechts von uns ist der überdachte Liegebereich, links das ebenfalls überdachte Fressfanggitter. Die Kühe sind gerade dabei, die letzten Bissen der Morgenfütterung genüsslich aufzunehmen, einige sind schon am Wiederkäuen. Kaspar betont, wie wichtig es sei, dass jede Kuh immer an ihrem eigenen Platz geht, damit jedes Tier in Ruhe fressen kann.

Es scheint zu funktionieren – die gesamte Herde strahlt eine zufriedene Ruhe aus, auch später, als die Kühe wieder freigelassen werden, nehmen wir diese entspannte Stimmung in der Herde wahr. Einzelne Tiere kommen neugierig schauen, wer wir sind. Ein wichtiger Grund für das friedliche Herdenleben wird uns schnell klar: Unzählige kleine und gut durchdachte Details sorgen dafür, dass an jeder Stallecke genügend Platz ist. Schwächere Kühe können ausweichen und stärkere ihre Position gefahrlos verteidigen. Dies ist umso wichtiger, da alle Tiere Hörner tragen. Mehrere Tränken, viel Platz zwischen Fress- und Liegebereich (15m), genügend Liegeboxen und ein Rundlaufsystem im Liegebereich vermindern Rangeleien zwischen den Kühen. Wird eine Kuh in der Liegebox von hinten gestossen, kann sie in einen Zwischengang fliehen.

Der Laufstall ist direkt verbunden mit den Umtriebweiden. In der Weideperiode können die Kühe selbständig vom Stall auf die Weide und bei Bedarf zurück. Das Futter der Kühe ist hauptsächlich Raufutter. Im Sommer sind es Weide und eingegraste Wiese. Im Winter werden Bodenheu und Silage aus dem Fahrsilo gefüttert. Die Winterfütterung führe bei Kühen mit hoher Milchleistung tendenziell zu einem Eiweissmanko bzw. Energieüberschuss durch die Silage. Bodenheu mit hohem Eiweissgehalt sei daher sehr erwünscht im Winter. Da der Hof jedoch keine Heutrocknung hat, steht dieses nur sehr begrenzt zur Verfügung. Würde man mehr Heu zufüttern, so könnte die Milchleistung laut Kaspar noch um 1-2 kg pro Melkgang gesteigert werden. Doch dies ist Zukunftsmusik, denn der Einbau einer Photovoltaikanlage mit Warmlufttrocknung für das Heu würde den Betrieb 200.000 CHF kosten. Noch ist offen, ob die jungen Leute den Betrieb in diese Richtung weiterentwickeln wollen.

Muttergebundene Kälberaufzucht

Eine grosse Besonderheit des Laufstalles ist es, dass die Mütter ihre Kälber jederzeit am Kälberstall-Gitter besuchen können. Lange lassen wir uns von Kaspar sein System der muttergebundenen Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung erklären. Er arbeitet nach diesem System, seit der neue Stall gebaut wurde (mehr Details im Beitrag zur muttergebundenen Kälberaufzucht auf dem Brüederhof).

Vielfältige Vermarktungswege

Für die vielen Verbraucher, die täglich auf den Hof kommen, ist der Hofladen der wichtigste Raum des Brüederhofes. Dort werden Gemüse, Rohmilch, Pastmilch, Joghurt, Rahm und Quark, selbst gebackenes Brot und Mehl einer vor Ort ansässigen Mühle verkauft. Joghurt und Quark werden auf dem Hof produziert, die übrigen Milchprodukte stammen aus der nahegelegenen Käserei. An diese wird auch der Grossteil der Milch geliefert. Nur etwa 150 Liter pro Woche werden in der eigenen kleinen Molkerei zu Quark, Joghurt, Rahm und Crème fraiche verarbeitet.

„Der Hofladen bedeutet nicht nur Wertschöpfung, sondern auch Wertschätzung“, erzählt uns Isabel, die den Laden betreut. „Die Joghurts sind oft schnell ausverkauft. Es ist schön zu sehen, dass sie den Leuten schmecken. Die Kunden fühlen sich sehr verbunden mit dem Hof und das spüren wir. Da ist Solidarität da, auch wenn mal wie jetzt weniger Gemüse im Angebot ist. “

Gerd Kessens produziert auf einer Teilfläche des Brüederhofs Gemüse.

Die Milchprodukte werden ebenso wie das Gemüse vor allem auch an Picobio, einen Zürcher Händler mit Schwerpunkt Gastronomie und Stadtteilläden und den Einkaufslieferdienst Farmy verkauft. Ein Teil des Lagergemüses und der Milchprodukte geht an Gerd Kessens, der als Pächter 1,4 ha Land des Brüederhofes mit Gemüse bewirtschaftet. Er fährt auf den Markt und betreibt einen Lieferservice von Bioprodukten nach Zürich und Baden. Sein Frischgemüse wird zum Teil auch im Hofladen verkauft. Diese langjährige Kooperation bringt beiden Seiten Vorteile.

Tomaten. Petersilie und Salat im Gewächshaus.

Modernes Lebensmodell

Zum Abschluss unseres Hofrundgangs treffen wir beim Mittagessen noch kurz weitere Mitglieder des Brüederhof-Teams. Viel Arbeit gibt es immer, hören wir und auch, dass es befriedigend sei, so intensiv miteinander zu schaffen. Doch auch ein eigenes Familienleben losgelöst von der Arbeit ist den jungen Leuten wichtig. Die Jungbauern Martina und Simon haben sich deshalb entschieden, nicht direkt auf dem Hof, sondern in einem Haus im nächsten Dorf zu wohnen. Dieses Modell funktioniert mit Hilfe von Vater Kaspar Günthardt aktuell sehr gut. Er packt weiter mit an, weil er mit Herz und Seele Landwirt ist. Er kann das Bedürfnis seines Sohnes und seiner Schwiegertochter verstehen. Und doch geniesst er es immer sehr, wenn seine Enkelkinder auf dem Hof sind: Milo kenne jede Kuh mit Namen und Livia sehe man ständig mit einem Huhn auf dem Arm über den Hof laufen.

Der Kreislauf wird geschlossen

Frucht- und Grünabfälle für die Biogasanlage.

Martina und Simon Knoepfel befinden sich gerade in wichtigen Entscheidungsprozessen für die Zukunft. Sie planen, die Biogasanlage, die Kaspar Günthardt vor 20 Jahren als erste ihrer Art im Kanton Zürich baute, zu sanieren und auszubauen. Aktuell leistet das Blockheizkraftwerk der Biogasanlage 50 kW, was (trotz der nötigen Unterbrechungen) in einer jährlichen Stromproduktion von rund 250‘000 kWh resultiert. Die Biogasanlage wird mit organischem Abfall vom Hof und einem Nachbarbetrieb „gefüttert“: Gülle und Mist aus dem Kuhstall, Rüstabfälle aus dem Gemüsebau, Fruchtabfälle. Zukünftig sollen auch andere Bauern und die Gemeinde ihre Grünabfälle bringen können. Dazu kommen von extern rund 10‘000kg Fruchtabfälle. Der „Abfall“ der Biogasanlage eigne sich sehr gut als Dünger für die Hackfrüchte, er wird direkt mit dem Schleppschlauch in den Kulturen verteilt. Auch die festen Anteile könnten als Kompost vor der Kultur auf dem Acker ausgebracht werden. Aktuell hängt es noch der Kreditzusage der Bank ab, ob Simon und Martina sich mit dem Biogas ein drittes finanziell tragendes Standbein aufbauen können.

Autorinnen: Sonja Korspeter und Livia Baumgartner, Photos: Sonja Korspeter und Ariane Maeschli (FiBL)

Dieser Text wurde in leicht abgewandelter Form veröffentlicht in Kultur und Politik 3/2016 sowie in BDM Aktuell 10-11/2016.

 

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Kaspar Günthardt, hier interviewt durch Livia Baumgartner, legt Wert auf einen engen Kontakt zu seinen Kühen.
Brüederhof
Dällikon Zürich, Schweiz
Pächterfamilie Simon (44) und Martina Knoepfel (40), Senior Kaspar Günthardt (70)
1 Person im Haushalt, Hofladen & Produktverarbeitung 1 Person: Versorgung Kühe und Melken
Milchwirtschaft, Fleisch, Lagergemüse, Biogasanlage
5 ha Kartoffeln, Lagergemüse, Kleegras

Feingemüsegärtnerei (1,2 ha bewirtschaftet durch Gerd Kessens)
40 Milchkühe (Schweizer Fleckvieh) und ca. 12 Rinder

Nachzucht (KB) mit Schweizer Fleckvieh (bio & weidetauglich), Mast (KB) mit Limousin

5000-6000 L Milch pro Kuh & Jahr, durchschnittlich 4 Laktationen

Mastschweine, Hennen
421 m ü. M.
Humusreich (10-20%) bis anmoorig
Muttergebundene Kälberaufzucht

Graslandbasierte Fütterung (Bodenheu/Silage), kraftfutterfrei

Produktvermarktung: Hofladen, lokale Molkerei, PicoBio, Farmy.ch
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