Stressarm Absetzen

Wer kennt es nicht? Kälber und Kühe, die vier Tage und vier Nächte schreien bis sie heiser sind. Oder das Argument, dass bei Milchkühen die Kälber möglichst schnell weg müssen, weil der Trennungsschmerz sonst viel schlimmer ist. Der Trennungsschmerz ist das Hauptargument gegen die mutter- oder ammengebundene Kälberaufzucht .

Doch es gibt eine Lösung, die sich noch nicht so weit herumgesprochen hat: das stressarme Absetzen.

Von Low Stress Stockmanship (stressarme Herdenführung) kommt das Fenceline Weaning oder Zaun-an-Zaun-Entwöhnen. Wir nutzen es sowohl beim Entwöhnen der Mutter, wenn das Kalb an der Amme weiternuckeln darf, als auch wenn nach 4-5 Monaten die Kälber von den Ammen oder bei Mutterkühen von den Müttern entwöhnt werden.

Sind die Kälber noch klein, genügt es, sie in Pannels (Trenngitter) zu sperren. Sind sie älter, lernen sie durch das Gitter bei der Mutter zu trinken. Dann geht es am Elektrozaun. Aber dann sollten sie sowieso längst auf der Weide oder einem Auslauf sein.

Die Kuh kann ihr Kalb weiter besuchen und beschnüffeln, nur aus dem Euter trinken geht nicht.

Der Trick ist nicht, aus dem Auge aus dem Sinn (wie Menschen denken), sondern zu ermöglichen, dass die Kuh das Kalb besuchen und weiter beschnüffeln kann. Aus dem Euter trinken kann es aber nicht. Das macht es, wenn es klein ist, bei der zukünftigen Amme. Ist es schon älter, kann es schon Gras und Heu fressen und braucht keine Milch mehr. Die Kuh wird dann gemolken oder bei Mutterkühen trocken gestellt. Dann drückt das Euter auch nicht mehr. Beide sind also zufrieden.

Meist dauert es nur wenige Tage bis die Kuh das Kalb nicht mehr besucht. Bei Mutterkühen kann man die Kälber im Korral zurücklassen und den Kühen eine nahe gelegene Weide öffnen. Sie kommen dann zurück, schauen ob mit dem Nachwuchs alles in Ordnung ist und gehen dann wieder fressen. Selten gibt es noch einen “Komm doch mit”-Ruf. Nach wenigen Tagen kann die Kälber- oder Kuhgruppe woanders hingetrieben oder transportiert werden. Es ist immer stressärmer, keine Einzeltiere einzusperren, sondern mindestens zwei Kälber (wenn möglich).

Wenn kleine Kälber in Iglus untergebracht werden müssen, könnten die eventuell direkt an den Auslauf der Kühe grenzen. Wir bauen einfach einen Bereich im Tiefstreustall.

Beim Absetzen von älteren Kälbern auf der Weide sollte dann sehr viel Strom auf dem schon bekannten Elektrozaun mit drei Drähten sein (6-8.000Volt), damit die Kälber nicht lernen, dass durch den Stromzaun springen leckere Folgen hat.

Wenn die Entwöhnung noch weniger abrupt sein soll, kann ein Euternetz oder eine Nasenklappe genutzt werden. Einen Stachelnasenring würde ich nicht empfehlen, weil die Kühe die Kälber wegtreten müssen. Ich möchte nicht, dass meine Kühe das lernen. Wir kommen ganz ohne aus. Das Anbringen dieser Hilfen ist mir zu umständlich.

Anja Hradetzky, Brandenburg, 2019

Anja Hradetzky hat 150 Mutterkühe betreut und melkt jetzt 40 Kühe auf dem Hof Stolze Kuh. Sie ist Trainerin für wesensgemäße Tierhaltung. Kontaktiert sie bei weiteren Fragen gern: Stolzekuh@posteo.de

 

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